Sonntag, 16. November 2008

Ich habe ein unglaublich emotionales Verhältnis zu Amerika. Szenen aus der amerikanischen Geschichte bringen mich schneller an den Rand des Losheulens vor Rührung oder Fassungslosigkeit, als ich es je bei deutscher oder anderer Geschichte erlebt habe. (War das jetzt politisch inkorrekt...?) Woher das kommt - keine Ahnung. Ich habe als Kind viel 'Fackeln im Sturm' geguckt, da fing es an. Aber ob es der eigentliche Auslöser war? Wer weiß, was ich schon im vorbewussten Kindesalter alles gucken durfte...

Bevor ich Anfang 2008 für ein paar Monate nach New York ging, hatte ich ein wenig Angst, dass diejenigen Recht haben würden, die mich vor einer bisherigen kompletten Idealisierung und der damit notwendigerweise folgenden Ernüchterung gewarnt hatten. Obwohl ich nie das Gefühl hatte, Amerika übermäßig zu idealisieren - es hatte mehr was mit Empathie zu tun, die oft eben zu Fassungslosigkeit führte über ein Land, das in solch einer inneren Spannung von Anspruch und Wirklichkeit lebt.

Als ich dann dort war - schwierig zu beschreiben. Es wirkte alles unglaublich vertraut, von Anfang an und in jeder Hinsicht. Das kann man auch nicht mit meinem reichlichen Konsum von US-Serien und -Filmen erklären. Jedenfalls war New York wirklich zuhause für mich, mehr als jede andere Stadt, abgesehen natürlich von Berlin. 

Nun gibt es einen neuen Präsidenten, den alle, die ich auf dieser und der anderen Seite des Atlantiks kenne, sich gewünscht hatten. Manche mehr, manche weniger enthusiastisch. Komischerweise bilde ich mir ein, sogar zu den weniger enthusiastischen zu gehören. Weil mir vielleicht der Spielraum, den Obama hat, deutlicher bewusst ist. Nein, sogar noch radikaler: weil ich glaube, dass die Welt in ihn Wünsche reinprojeziert, die für ihn nicht nur schwierig sein könnten umzusetzen, nein, sondern Wünsche, die er selbst gar nicht hat. Er ist so viel amerikanischer (im alteuropäischen Wortsinne), als viele es sich hier (alp-)träumen lassen. Man lese nur mal was zu seiner Einstellung zur Todesstrafe... Dennoch bin ich froh, dass er es wurde und nicht der alte traumatisierte Veteran. 


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Erstaunlich finde ich, wie schnell sich die Medien hier auf die neue pro-amerikanische Symbolik eingeschossen haben. Plötzlich steht die US-Flagge wieder für den American Dream statt für den Größenwahn des G.W. Bush, Imperialismus und Abu Ghraib. Selbst eine meiner wahrhaft anti-amerikanischen amerikanischen Freundinnen aus New York ist nun, wie sie mir gerade schrieb, das erste Mal in ihrem Leben stolz, Amerikanerin zu sein und diese Flagge zu sehen, mit sich zu identifizieren.

Für mich war diese Flagge immer widersprüchlich, wie der manifestierte Beweis dieser Kluft von Anspruch und Realität. Und damit eben unglaublich emotional beladen. Eben hab ich mir meine Fotos aus New York angesehen, die Flagge ist auf vielen von ihnen drauf. Weil ich alles, was mit Religion zu tun hat, fotografiert habe. Die Flagge gehört eindeutig dazu. Jetzt schaue ich mir die Bilder an und versuche, in mich reinzuhören, ob sich in den letzten Wochen was verändert hat, ob ich die Fotos anders sehe. Irgendwie nicht. Heißt das, dass ich mich über den neuen Präsidenten nicht genug freue, die 'Erlösung', oder ob ich tief in mir nie geglaubt habe, dass Bush und co. ernsthaft dem etwas anhaben können, wofür Amerika steht, dass es einfach nie schlimm genug war? Vielleicht ist es mit der Flagge ein wenig wie mit dem Yin-und-Yang-Zeichen: es  war und ist immer ein bißchen Bush drin, immer ein bißchen Obama. (Und viel weniger Alt-Europa, als viele grad zu sehen vermeinen. )


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