Sonntag, 30. November 2008

strukturelle gewalt

im Graefekiez, wo Multikulturalität nach wie vor groß geschrieben wird, gibt es ein von jungen Migrant/innen betriebenes Etablissement; namentlich von Franzosen. Dort erkundigte sich meine Begleitung, ob man rauchen dürfe, man durfte. Wir nahmen also an einem der Holztische in der Nähe des Pianos Platz und wurden von einer exotisch interessanten, aber offensichtlich integrationsunwilligen Servicekraft bedient, die kein Deutsch sprach, sondern nur Englisch mit französischen Akzent. Unterdessen betrat ein junges deutsches Paar die Räumlichkeiten und nahm mit zwei Kindern und gefühlten drei Kinderwagen am Tisch hinter uns Platz. Bald kam aber eine zweite Bedienung hinzu, die in deutscher Sprache einen Aschenbecher brachte, und uns aufforderte, doch bitte einen Tisch am anderen Ende des Etablissements zu wählen, denn unterdessen sei eine Familie mit Kind eingetroffen, habe sich entschieden, nun einmal hier Platz zu nehmen, und da der Zigarrettenrausch insbesondere für das kleinere der Kinder schädlich sei, bitte sie uns um Rücksichtnahme. Allzu keck fragte ich, ob nicht vielleicht die Familie sich umsetzen möge, denn wir saßen ja nun schon eine Weile an unserem Tisch. Das Ehepaar, welches wohl gleichsam das alte Kerneuropa der jungen Familie ausmachte, quittierte dies nur mit - wie mein Begleiter sagte - "schrägen" Blicken; die Kellnerin appellierte an unser Verständnis. Sie war im Folgenden sehr höflich, und ich war bemüht, möglichst wenig von meiner Wut an ihr auszulassen, sagte lediglich überlaut und so kalt ich nur konnte, und ich kann kalt, wenn ich will: "Selbstverständlich haben Kinder hier im Kiez immer Priorität".
So wurde die deutschsprachige Bedienung zur Handlangerin eines Aktes struktureller Gewalt, wie er unter dem Deckmantel des friedlichen Zusammenlebens in einem multikulturellen Kiez längst schrecklicher Alltag geworden ist. Nur folgender Exkurs hilft mir über meinen Schock hinweg: In der Kulturanthropologie ist es zu einem Modethema geworden, aufzuzeigen, wie Machtverhältnisse beständig unter Akteuren im Alltag ausgehandelt werden, und offizielle Ideologien sowie staatliche Gesetze lediglich neben traditionellen Strukturen bestehen, die eine weitgehende Hegemonie im öffentlichen Raum für sich beanspruchen. Heideradatz, dies einmal nicht auf die Muslimbrüderschaft in Ägypten oder die Lage der chinesischen Minderheit in Malaysia anzuwenden, sondern auf den Sonntagabend im heimischen Kiez:
Wo ein Gastronomiebetrieb sich entscheidet, gegen das Rauchverbot zu optieren, aber keine designierten Raucher- und Nichtraucherbereiche einrichtet, entstehen "fluid boundaries" (Haberdasher 2006:27), die im Prozess eines "mental mappings" (Sieberg 1998:113) von den diskursberechtigten Akteur/innen ausgehandelt (negotiated) werden, sobald durch das Aufeinandertreffen zweier Gruppen mit unterschiedlichen Interessen bzw. kulturellen Verhaltenscodes das Bedürfnis nach Designation von Alterität (Chatterjee 2002:95) entsteht.
Nicht diskursberechtigt waren in diesem Falle wir, die Raucher, da unser Status einer der Liminalität im Sinne von Victor Turner war und sich in der "condoned transgression of an abstract law" (Olivishkov 2005:18) manifestierte, welche jederzeit im Namen konträrer partieller Interessen als transgressive gemarkert werden kann.
Daß divergierende kulturelle Verhaltenscodes für die Mehrheitsgesellschaft allerhöchstens im Rahmen einer "depressiven Toleranz" (Aysun Bademsoy) hinnehmbar sind, darauf verwies nicht nur die Tatsache, dass das kleinere der Kinder, das von der ganzen Sache gar nichts mitbekommen hatte, und ebensowenig diskursberechtigter Akteur war wie wir, später stark husten mußte, ohne überhaupt in Berührung mit dem von uns in 10 m Entfernung ausgesonderten Zigarrettenrausch gekommen zu sein. Sondern auch die unübersehbare Tatsache, daß die nicht integrationswillige, ausländisch sprechende Servicekraft von der ganzen Geschichte ebenfalls überhaupt nichts mitbekam und lediglich verwundert unsere beiden Kaffee an den weit entfernten Tisch hinterhertragen mußte. Daß die gar nicht wahrgenommen hat, inwieweit sich die fluid boundaries durch das entstehende Bedürfnis nach Designation von Alterität plötzlich verfestigten, während sie gerade mit ihrem Tablett die Distanz von der Theke zu unserem Tisch zurücklegte, zeugt doch nur von ihrer eigenen Alterität (Migrantin ohne Deutschkenntnisse) und ist ja wohl ein dicker Hund. Von wegen savoir vivre, scheiß Kopftuchträg... äääh, rothaarige frankophone Jazzhörerinnen.

Nicht ganz geblickt habe ich derweil, wo ich Zizeks Lacanschen Begriff vom "obszönen, genießenden Vater" hier unterzubringen hätte, wo doch der reale Familienvater im Raum allem Augenschein nach die ganze Zeit über weder obszön war, noch etwas genoß. Soweit ich sein Gesicht sehen konnte, nicht einmal die Tatsache, ohne ein Wort sagen zu müssen einen hegemonialen Raum eingerichtet zu haben.

(mein persönlicher Soundtrack hierzu: Le Bourgeois von Jacques Brel, obschon in dem französischen Etablissement in Wirklichkeit sehr guter Hardbop lief)
eigentlich sollte man das wort 'eigentlich' aus beziehungsdiskussionen streichen
U7, Berliner Fenster:   'Was war Ihr Höhepunkt 2008?'   Die Fragen der BVG werden immer persönlicher...

Freitag, 28. November 2008

nach einer morgendlichen Verstimmung im Arbeitsleben aufgrund der empfundenen Dummheit und assertiven Kritikresistenz Anderer in den alten Reflex verfallen, schnell aggressive Musik aufzulegen, bevor ich aus dem Haus gehe. Aus einem Stapel zum Ausrangieren vorsotierter CDs sind mir die Ramones in die Hand gefallen. Selten blöde Idee sie aufzulegen. Denn mit den ersten Staccati schon empfand ich, dass die Person, über die ich mich ärgere, sich am anderen Ende der Republik gerade über mich ärgert und halblaut die Ramones aufgelegt hat, mit dem Kopf wackelnd, um kurz mal ihre Aggressionen abzureagieren.
Diese furchtbare Nivellierung von Differenzen durch uniformen Geschmack erzeugt wohl das, was im heutigen Marketingjargon Empathie heißt.
Noch schlimmer: Wohlmöglich hören weder die betreffende Person noch ich sonst die Ramones. Nur eigens zu diesem Zweck haben wir sie aufgelegt, insgeheim ahnend, dass unsere Argumente jeweils nicht überzeugend wirken, so dass wir Frust abbauen müssen. Und die abgeklärte Theoretisierung, die ich gerade vornehme, ist abstoßender als jede nivellierende Empathie [vgl das Engagement der Ramones für die Republikaner], dümmer als jedes "I wanna live my life".
Letztlich Frankie Goes To Hollywood, aus den jüngst erworbenen Vinylplatten, die vermutlich jemand Anderes in mir vergleichbarer Lage ausrangiert hat, hervorgekramt und statt dämlicher Rebellion die Hilflosigkeit verspürt, im Alter von 9 mit meinem Vater in der Eishalle, im von der Mutter mit Elchen bestrickten Wollpullover, durch Lichtkegel sausen zu müssen, die am hellichten Tag die graue, stumpfe Fläche markieren, denkend, dass Pubertät in meinem Körper wohl dies werden würde, ein Spießrutenlauf.
Er hat bisher nie geendet.
Relax.
ich facebooke also bin ich
Wie am Wochenende. Nur nicht ganz so voll. Und nicht ganz so spät. Wegen der Nachtbusse. Aber die Stimmung ist ähnlich. Es ist nach Mitternacht, und die Tram, die durch Friedrichshain fährt, ist voller Menschen, die sich selbst zwischen 20 und 35 fühlen. Alle ein bißchen alternativ, aber doch gekonnt gestylt (es geht hier nicht um Geschmacksfragen, nur um Stringenz....). 

Dasselbe Bild in der U1 durch Kreuzberg. Viele haben eine Bierflasche in der Hand. Also auch Donnerstag nachts. Naja, morgen ist Freitag, gewissermaßen Wochenende. Wobei ich mir sicher bin, das Bild wäre ähnlich am Dienstag oder Mittwoch abend. Früher hat mich das wahnsinnig genervt. Dieses Pseudo-Gepose. Aber dann fahrt mal nach Süddeutschland, seid nachts um die Uhrzeit unter der Woche unterwegs! Pah, dann wisst ihr, was ihr an Berlin habt. 

Am Kottbusser Tor stiegen, wenn ich mich recht erinnere, vor ein, zwei Jahren noch nur die aus, die neudeutsch als Prekariat bezeichnet werden. Mit und ohne Migrationshintergrund, aber schon irgendwie anders als der studentische Punkschick noch am Görlitzer Bahnhof. Heute nun steigen eben die akademischen dreadlockigen Nachwuchsbildungsbürger am Kotti aus. Ich sehe keine einzige 'prekär' wirkende Gestalt unter den Massen, die sich auf die Rolltreppe schieben. Zumindest dann, wenn man eben ganz unsüddeutsch nächtliche Bierflaschen in der Öffentlichkeit nicht als Hinweis auf 'prekäre' Zustände deutet. 

Auch diese Verschiebung in der Bevölkerungsstruktur (und ich gehe davon aus, dass Leute, die unter der Woche um halb eins nachts irgendwo aussteigen, dort oft auch wohnen, oder? Oder sind die noch beim Partyhopping?!) hätte mich vor einer Weile noch genervt - Gentrification-Alarm! Inzwischen rege ich mich nimmer auf. Ich gehöre zu den Leuten, die von Gentrification prinzipiell profitieren. Punkt. Alle, die nicht meiner Meinung sind, mögen sich bitte in ihren parkett-und stucklastigen renovierten Altbaupalästen Neuköllns über meine Arroganz aufregen. Immer noch besser, als gleich die Polizei zu rufen, weil ein kleiner Pimp vor ihrer Haustür zu laut Handyklingeltöne ausprobiert und damit Klein-Friedhelm weckt....

Donnerstag, 27. November 2008

das nächste Ding von lokalgeschichtlicher Bedeutung, nach Lemonbier und Rotweinen, die als eine Note von Brombeer, Wacholder oder Milchschokolade enthaltend angepriesen werden, wird sicher Dju-Dju-Bier, das mit Mango gebraut wird. Überraschend nur, dass es an einem milden Winterabend gut schmeckt.

Dienstag, 25. November 2008

warum kann ich über sowas kaum noch grinsen? Sollte ich vielleicht doch zum Psychologen?

waltz with bashir

letztens hab ich ja eine echte Gemayel kennengelernt, in einem Kreuzberger Lokal, wo ich spät frühstücken wollte. Fasziniert von unbändigen, seildicken Locken und gehemmt von meiner Unkenntnis des Französischen versuchte ich mich in simple English. Jedenfalls war sie die erste gewesen, die mir "Waltz With Bashir" empfohlen hatte. Wobei ihr als gelernter Animateurin die Animationen seltsam vorkamen; die inhaltliche Auseinandersetzung, die der Film mit der geographischen und kulturellen Heimat ihres Vaters führte, legte sie mir allerdings kommentarlos ans ohnehin empfängliche Herz. Ich wünschte, ich könnte ebenso kommentarlos schlicht den Film weiterempfehlen, der selbstredend im Netz hinreichend kommentiert und empfohlen wird. Failing that, möchte ich zumindest versuchen, mich auf zwei Punkte zu konzentrieren, um nicht allzu viel Redundantes zu posten.

Erstens ist da die Ästhetisierung von Gewalt. Hinreichend bekannt dürfte Walter Benjamins Kritik von Marinettis futuristischer Kriegsvision im Kunstwerk-Essay sein. Ari Folmans Film hingegen versucht genau dies: Bilder von Gewalt und technologischer Kriegführung zu ästhetisieren. Etwa, wenn ein winziger Junge mit Panzerfaust in einem märchenhaften Waldstück auftaucht, oder zu einem auf Hebräisch gecoverten Indie-Song (hier: I bombed Beirut) ein Kampfflugzeug Streubomben abwirft, die jeweils exakt eine ganze Formation von Schützenpanzern in rhythmischer Folge zum Explodieren bringen, oder wenn unzählige Bodybags in einem postapokalyptischen Animé-Licht - samt Helikopter im Hintergrund - präsentiert werden, das einer Bar in Berlin Mitte gut anstünde. Und natürlich, wenn Frenkel mit seiner MG inmitten von Heckenschützenfeuer auf einer Beiruter Hauptstraße ekstatisch herumzuckt, auf der man jeden Moment Akiras Motorradgang erwartet.
Wäre ich nicht angetrunken, so könnte ich mich vielleicht der folgenden Parenthese enthalten, (daß ich junge Berliner Filmleute hasse, die über anderleuts Filme sagen, daß sie funktionieren oder nicht funktionieren). Aber auch, wenn ich stocknüchtern und vollkommen durchreflektiert wäre, würde ich vermutlich keinen besseren Ausdruck finden, als daß es in jeder einzelnen der genannten Szenen funktioniert, wie Folman die Erzählzeit verlangsamt und traumatische Eindrücke ästhetisiert. Hier wäre Benjamins Diktum noch einmal genauer zu untersuchen, das sich konkret auf den Faschisten Marinetti und die Kunstgattung des Futurismus bezog.
Denn - dies wußte Benjamin - durch die Ästhetisierung wird die Darstellung von Krieg entpolitisiert. Entpolitisierung der erzählten Momente gereicht aber Folmans Erzählstrategie gerade zur Größe.
Es scheint mir, daß gegenwärtige Bilder aus dem israelisch-palästinensischen Krieg so stark überpolitisiert sind, daß kaum jemand in ihnen noch Bilder sieht. Sämtliche Äußerungen zu diesem omnipräsenten Material konzentrieren sich so stark darauf, die eine oder andere Seite ins rechte Licht zu rücken, die man vertreten oder verteidigen möchte, daß das ohnehin (und zurecht) in seiner medialen Glaubwürdigkeit angekratzte Bild vollends entwertet wird.
Nun hat aber ein Regisseur nichts als Bilder zur Verfügung - der Verlockung, gesprochenen Text als master narrative zu missbrauchen, verwehrt sich Folman beispielhaft - und wird bemüht sein, diese aufzuwerten. Andere haben bereits über die Relation von Animation, Traumbild und Realitätsdarstellung in seinem Film geschrieben, dem habe ich nichts zuzufügen.
Bilder wie Frenkels titelgebender Tanz ohne Bashir Gemayel zitieren unverhohlen die Gewaltverherrlichung, die vergleichbaren Animészenen innewohnt, (ent-)rücken die Übersprungshandlung eines überforderten, verängstigten Kindersoldaten in ein gleißend empathisches Licht, verleihen dem Ganzen durch den übernatürlichen Auftritt eines Kriegskorrespondenten samt Off-Stimme noch einen heroisierenden Metatext. Man sitzt fassungslos vor einem drastisch übertriebenem Konglomerat all dessen, was man in der zeitgenössischen Medienkultur zum Thema Gewalterfahrung alltäglich in sich hineinfrißt, wobei einem jedesmal der Zugang zum dem Bild unterliegenden Trauma verwehrt wird. Und findet in diesem Walzer - und es ging sicher nicht nur mir so - einen Weg zur Auseinandersetzung mit der ganz individuellen, in dritter Person erzählten Traumaerfahrung.
Die Erinnerungsbilder, welche vermutlich jeder Person in jedem erdenklichen Publikum auf die ein oder andere Weise präsent sind, werden ästhetisch so radikal enpolitisiert, daß sie entinstrumentalisiert werden. Es geht nicht mehr um Schuld- und Leidzuschreibungen. Es geht um eine per Filmessay vermitttelte Auseinandersetzung, die in der gezielten Überzeichnung eine Vielschichtigkeit präsentiert, wie sie in jeder Argumentation verlorengeht.
Entpolitisierung durch Ästhetisierung dient hier ganz genau dem, was Benjamin mit seinem Kunstbegriff im Sinn hatte. Meine ich, als angetrunkener Dilletant.
Solch prätentiöse Sätze wie die obigen dienen mir im Leben desöfteren dem Ausweichen vor realeren Auseinandersetzungen. Die Straße, von leerstehenden Betonhochhäusern gesäumt, aus denen Heckenschützen schossen, und in denen sie beschossen wurden, meine ich zu kennen.
Zumindest bin ich in Beirut über eine ihr haargenau ähnelnde Straße gefahren, die Bauten hatten sich eigentlich gar nicht verändert - wenn man den fiktionalisierten, animierten Zustand des Jahres 2008 als historische Wahrheit gelten lassen will, und ich finde, der Film als Gesamtwerk spricht dafür, eben dies zu tun - seither. Die Einschußlöcher waren deutlich auszumachen, niemand wohnte dort, eine Hauptverkehrsader führte an ihnen vorbei.
Daher empfand ich das Sehen von "Waltz With Bashir" als befreiend, weil mir endlich mal jemand, mit dem ich mich über die Leinwand in Verbindung setzen konnte, erzählte, was es mit jener Straße auf sich hatte. Wohlgemerkt, fünf Jahre, nachdem mir bei einer wirklichen Taxifahrt durch Amman jemand, der während des Schwarzen Septembers auf palästinensischer Seite gekämpft hatte, erzählte, wie es denn damals gewesen war.
Und ich bin jetzt vielleicht zynisch, oder nerdig, aber es geht mir genau um jenes wie es denn wirklich gewesen sey, das Benjamin dem Historismus zuschreibt, jener konservativen Rechthaberei, und dem er die historisch-materialistische Geschichtschreibung als Ort eines mit Jetztzeit aufgeladenen Konstruktes entgegenstellt.

Der zweite Aspekt wäre jener, daß der Film als Spielfilm beginnt und gegen Ende immer stärkeren Dokumentarfilmcharakter annimmt. Interviewpartner, die gar nicht in Folmans erzähltem erlebten Leben dabeigewesen waren, berichten vor kahlem Hintergrund sitzend von ihren Erfahrungen als Zeitzeugen. Als Menschen, die wir an Guido Knopp gewöhnt sind, auch wenn wir seine Shows bewusst vermeiden, können wir uns gar nicht genug mit der filmischen Technik auseinandersetzen, mit der solche Talking Heads in den Erzählfluß einmontiert werden.
Während das Narrativ des Filmes mit der fortschreitenden Zeit eine Annäherung an die persönlich erlebte, verdrängte Wahrheit nahelegt, erscheinen zunehmend Bilder, zu denen man Distanz einnimmt, weil sie Objektivität in der Repräsentation eines subjektiven Augenzeugen erheischen. Im Filmschnitt thematisiert diese auseinandergehende Schere das Hauptanliegen des Erzählers/Auteur - gerade über das immer schon Gesagte, das einen selbst in Narrative einbinden will, zu einem Zugang zum verschütteten Ereignis zu gelangen. Er arbeitet sich über Ungewißheiten fort hin zu einem Schnitt auf reale Videobilder, die hier nicht als autoritative Enthüllung einer historischen Wahrheit auftreten, sondern neben menschlichen Gesichtern, die ebensoviel Empathie wie Frenkels Tanz erfahren, vor allem die Ratlosigkeit eines forschenden Auteur gegenüber Bildern vermitteln. Es drängt sich eine Assoziation zu Abbas Kiarostamis Verwendung von Videomaterial am Ende von "Geschmack der Kirsche" auf.
Sehr liebte ich Laura Mulveys Essay über die Erdbeben-Trilogie Kiarostamis, in dem sie sich auf Derridas Diktum von der Lücke zwischen dem traumatischen Moment und seiner Darstellung bezog. Folman gelingt hier ebensolches, und während der iranische Auteur in Auseinandersetzung mit der Zensur in der islamischen Republik eine Entpolitisierung durch Ästhetisierung im Rahmen des Arthouse-Kinos betreibt, die notwendig eine Verengung der behandelbaren Themen mit sich bringt, ist es dem (staatlich geförderten) israelischen Film möglich, eine vergleichbare Strategie nicht nur mit anderen Mitteln (denen der Animation), sondern mit Fokus auf einen der an Aktualität reichsten Ereigniskomplexe der jüngeren Zeitgeschichte anzuwenden.
Dieses Mehr an Freiheit nach Sehen des Filmes nicht zu feiern, scheint mir schlechthin nicht möglich, und ich meine, dies sei auch im Sinne der wildhaarigen Gemayel, die ihn mir ursprünglich empfahl.
Froh bin ich auch, der Empfehlung einer hebräischsprachigen Berliner Bekannten gefolgt zu sein, den Film im Original mit Untertiteln anzuschauen. Nicht nur freut man sich, wie viel man bei leidlichen Arabischkenntnissen mithilfe der gelungenen Untertitel plus sehr schön eingesetzter englischer Lehnworte verstehen kann, wodurch die fremde Sprache einem näherrückt, sondern man hat Zugang zu den Betonungen und Phrasierungen des gesprochenen Wortes von Originalinterviewpartnern inmitten der verfremdend animierten Körper und Gesichter. Davor müsste eine Synchronisierung unweigerlich passen.

Montag, 24. November 2008

"Heutzutage ist Impotenz ein Fremdwort", kräht mich eine Spammail an. Tja, aber Gemächtschwäche, das wäre doch keines, hm?

Sonntag, 23. November 2008

Ist man erwachsen, wenn man sich den Schwarztee nach Sorte bestellt?
kreuzberg am frühen abend im frühen winter



um 4 uhr nachts ist alles weiß....

Freitag, 21. November 2008

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*  Mit Laufmasche * und Tote Hosen * hörend * durch den Schneeregen stapfen rockt.    *
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                                              +             *         *
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Bastelstunde: Wir bauen uns einen Dissertationstitel oder Kitchen Poetry für Akademikerparties....

post - urban - experience - intra - mediating - modernity - imagined - neo - opposite - structure - para - border -stereotypes - communication - enabling - mis - reclaiming - pro - spiritual - authenticity - codex - krypto - migrant - epistemological -
decoding - negotiating - dialectic - essentialism - setting - othering - space - pre - discursive - with - ethnic - positioning - orthodox - mythological - suggesting - new - ethical - shift - penetrating - anti - alternate - posteriority - polyvalent - neuro - productive - physical - educative - understanding - transparent - stipulating - ana - scriptural - conditioned - heterodox - strategy - moral - Butler - institutionalist - governance - antagonistic - quantitative - ex- sexuality - subtext - critical - hierarchy - reformist - complex - paradigmatic - meta - divergence - classical - reading - universality - inter - colonial - metropolitan - evaluating - immanent - assumed - dialogue- generating - Habermasian - social - polemic - field - cultural - of - master - total - defining -construction - virtualized - connectivity - dependence - contesting - inclusion- homogeneous- hermeneutic - source - organization - polysemic - antagonism - mortal - Luhmann - system - para - actors - negative - revolutionary - extra - intertextuality - essentialist - hierarchical - paradigm - critique - divergent - - shared - emic - referentiality - simplistic - spatial - self - relational - engaging - permissive - paleo - moderate - transfer - including - approach - conservative - heterogeneous - society - qualitative - concerning - performativity - out - colloquial - participation - authoritative - hypothesis - constructed -interpretative - off - progressive - promoting - dissent - shifting - imperialism - subverting - influencing - converting - narrating - allocating - Lacan - definition - orientalist - diverse - research - popular - utopia - hybrid - gap - progress - passivity - alternative - ego - neglecting - turco - symmetry - changing - conflicting - active - communicative - disabling - constitutional - authentic - stereotypical - unveiling -
- economic - versus - Hegelian - based - virtuality - relation - hegemonic - metro - modern -
analysis - hegemony - pretended - normativity - challenged - auto - Kantian - searching -
substitution - ruling - about - practical - political - discourse - synthesis - parallel - glocal - over - homo - cross-cut - equality - hyper - investigative - vision - hybridity - mentality - multiple - identification - instrumentalized - illusionary - exegesis - poly - demarcation - ethno - cutting-edge - postulated - coherent - appropriation - myth - intrinsic - adherent
- locating - collective - for - marginalized - forced - boundaries - un - minority - franco - false - traditionalist - origins - tribal - notions - liberal - identity - performing - empowerment - authority - consensus - imperialist - role - personalizing - commercial - dominance - impact - difference - considerations - affirmative - passive - assuming - neutrality - convergence -
practice - sociological - personal - optional - memory - sexual - theory - subjective - pluralism - claiming - individuality - dis - subversion - intended - strategic - politics - informative - challenge - gender - dysfunctional - empowering - sensual - tradition - invented - qualifying - national - diversity - managing - native - equal - hypo - postulating - creative - dimensions -
to - totality - semi - arabo - reflexive - polarity - less - model - function - elitist - transitional -
- normative - casuality - values - global - excluding - substantial - under - coordinating - power - Geertzian - diachronic - nationalism - performance - synchronic - anthropological - multi - psychological - verification - balancing - inquiry - estimating - dilemma - accessability - proto - rhetorical - movements - clustering - theology - islamo - pondering - mental - symbol - navigating - classification - deconstructing - symbolism - unity - pan - temporary - representation - syncretistic - reflections - aesthetic - asymmetric - established -
meaning - disciplinarity - location - perspectivity - contested - images - translating - process -
heterogeneity - vital - Bourdieu - according - scientific - common - intentional - relative -
groups - trans - reflexivity - exclusion - transcendent - retro - option - collapse - individual
- masculinity - margins - shaping - religious - creation - involving - dominant - poetic - cyclic - entanglement - avantgarde - femininity - among - evolving - oppressed - domain - historicity -political - objectivity - historical - virtual - Gramscian - literal - mediating - functional - disentanglement - institution - subject - homogenity - absolute - decisive - institutionalization - passing - extensive - thinking - collaborating - pseudo - appropriated - illusion - literalistic - linearity - sensitive - common - oral - negating - counter - considering - activity - neutral -
- questioning - in - hetero - universal - mono - theoretical - overlapping - structuralist - methodological - inherent - Derrida - coherence - making - intensive - articulation - phobia - production - Foucaultian - arguing - re - pluralistic - narrative - constructivist - liminal - intention - per - confirming - externalization - western - philo - complexivity - positivist - linguistic - symbolic - deconstructivist - naturalist - representing - conditioned - cosmopolitan - major

Donnerstag, 20. November 2008

HEY, DU DA   -   JA, DU !!!   FEIGHEIT IST ECHT UNSEXY.....

Mittwoch, 19. November 2008

Dienstag, 18. November 2008

letztlich ist es doch jedes Mal erleichternd, wenn in einer Publikation mal nicht von "Kopfwindelträgern" die Rede ist. Dennoch stößt als etwas irritierend auf, dass eine "Forscherin" gleich mit dem Catch-All-Label "deutsch-türkisch" belegt wird, wenn sie einen Uniabschluss in Berlin gemacht hat. Im gleichen Artikel nämlich bezeichnet Sabine Küper-Büsch Rifat Bali keinesweges als "gallo-türkisch", weil er an der Sorbonne studiert hat.
Aber das sind Feinheiten, man ist ja froh. Dass die Jungle World neben einer Besprechung von Corry Guttstadts "Die Türkei, die Juden und der Holocaust" gleich einen Artikel von Sabine Küper-Busch über "Antisemitismus und Multikulturalismus in der Türkei" bringt. Nun, auch wenn für gute Deutsche alles, wo mehr als ein Türke involviert ist - insbesondere gilt dies für Stadtteile - unter "Multikulturalismus" fällt, und es in der Türkei davon so einige gibt, lässt sich fragen, ob die Situation mit dieser Phrase adäquater charakterisiert wird als H. Bayraktar mit "deutsch-türkisch".
Ich sollte aber von diesem peniblen Bekritteln ablassen, denn man ist ja froh.
Zumindest, bis Küper-Büsch, die durchaus andernorts deutsche Wahrnehmungen der Türkei auseinanderzunehmen vermag, über den Film "Tal der Wölfe - Irak" schreibt:

Als der türkische Film »Tal der Wölfe« im Januar 2006 in Deutsch­land in die Kinos kam, sorgte vor allem sein unverhohlen antisemitischer Subtext für Irritationen. In der Nebenfigur des jüdischen Arztes, der irakischen Opfern die Nieren entnimmt, um sie an Kunden in New York, London und Tel Aviv zu verkaufen, zeichnete er eine solch plumpe Ka­rikatur des raffgierigen Juden, der über Leichen geht, wie man sie vielleicht in einem Nazi-Propagandafilm, aber kaum in einem türkischen Mainstream-Kassenschlager erwartet hätte.

Und? Die Sätze stimmen, für sich genommen, alle. Dass in Deutschland vor allem der antisemitische Subtext Aufsehen erregt hat, ebenso, wie dass der Film ein Mainstream-Kassenschlager war. Das is ja ma was. Aber genau diese Wahrnehmung in Deutschland ist ein Problem.
Als ich seinerzeit auf der Pressekonferenz zur Vorstellung von "Tal der Wölfe - Irak" die faschistischen Propagandareden der selbstbewusst grinsenden Erzeuger und die naiv entrüsteten Fragen der deutschen Mainstream-Kassenschlager-Journalisten anhören musste, bezog sich ein Großteil der Vorwürfe zunächst darauf, man habe ja wohl einen offen antiamerikanischen Film gemacht und wie kann man nur. Was bei Küper-Büsch Subtext heißt, wurde nur insofern und erst dann als moralische Keule herbeigezogen, als die Erzeuger selbstbewusst grinsend den naiv entrüsteten deutschen Mainstream-Kassenschlager-Journalisten zur Antwort gaben, es seien ja schon so viele amerikanische anti-x Filme produziert worden - ich glaube, sie zitierten tatsächlich Rambo in Vietnam herbei –, dass man doch einmal den Spieß umdrehen könne.
Wer herrschaftskritische Ansätze nicht für voll nimmt, muss hier eigentlich argumentativ passen. Das haben einige Deutsche getan, die den Film ansahen: Stimmt, die haben das ja nur umgedreht, muss man doch auch verstehen. Oder man muss das anführen, was antiamerikanische Äußerungen immer verwerflich macht: Deren unweigerlich antisemitische Dimension. Nun war auch vieles von dem, was in den Redaktionen hierzu entstand, differenziertere Filmkritik als das, was sich auf der Pressekonferenz bot.

Ich habe weiterhin nichts als Verachtung für diejenigen übrig, die vor Antiamerikanismus nur deshalb Schiss haben, weil er bedeuten könnte, dass der islamische Mob mal über die Stränge schlagen und über sie selbst herfallen könnte. Bei ihnen bekommt das Wort "Antiamerikanismus" als Vorwurf einen McCarthy-Beigeschmack, bei ihnen schwingt schon die Entrüstung mit, in der Merkel Meisterin ist: Wir Deutschen müssen immer gegen alles Unrecht in der Welt Stimme erheben. Selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich müssen wir Deutschen dann sofort die Juden in Schutz nehmen, damit das Relief zwischen gut und böse auch kontrastiert genug erscheint.

Wer sich nicht auf dieser Ebene bewegt, mag - wir kehren zu Küper-Büschs Text zurück - sich an der Formulierung eines "antisemitischen Subtextes" reiben. In dem Film gibt es sicher einen patriarchalen, orientalistischen, etc. Subtext. Aber der Antisemitismus ist Text, der is nich sub. Die Leute sind in den Film gegangen, weil er, wie die meisten der nach dem Kinobesuch von mir interviewten Zuschauer/innen aussagten, "endlich zeige, was da wirklich passiert".

Seit damals wollte ich darüber schreiben, es bot sich nie Gelegenheit. Der Film "Irak" ist ein Kino-Spin-Off der überaus erfolgreichen Fernsehserie "Tal der Wölfe", und die spielt nun mal in der Türkei. In den kurdischen Gebieten. Held der Serie ist ein Mann, der verdeckte Operationen für die Sicherheitskräfte durchführt, also Kurden erschießt, und gegen all das hinderliche red tape, das der Staat auch bedeutet, auf die Zusammenarbeit mit dem organisierten Verbrechen setzt. Damit setzt er eine rechtsradikale Agenda um, denn so arbeiten Faschisten in der Türkei wirklich, und dies ist seit dem Susurluk-Skandal von 1996 immer wieder Thema der Bürgerrechtsbewegung, der linken Bewegungen, der Reformdebatten gewesen. Der Serienheld hingegen ist zu einem Idol einer ganzen Generation faschistischer Lumpen geworden, von Verkehrspolizisten mit Folterphantasien über Arbeitslose, die in Internetcafés First-Person-Shooters zocken, bis zu dem angeblich einfältig gläubigen Killer Hrant Dinks. Er ist Radikalisierungsikone dessen, was Murat Belge nach dem Mord an Dink den "spontanen Faschismus" nannte, der viel gefährlicher als der organisierte geworden sei. Von wegen Einzeltäter.

Insofern ist allein die Präsenz dieses Helden, eines Agenten namens Polat Alemdar, im Irak ein Skandal. Denn im Irak hat die Türkei nichts zu suchen. Doch seit die USA 1991 in den kurdischen Gebieten einen "safe haven" einrichteten, haben sie immer wieder Vorstöße des NATO-Partners dorthin geduldet. Neben den verheerenden türkischen Großoperationen installierte sich ein Netzwerk von Männern, denen der Agent Polat nachempfunden ist: Erfahrungen im Töten haben sie im Kampf gegen die PKK im Inland gesammelt, mit der faschistischen Bewegung und/oder den Geheimdiensten sind sie verbandelt, zusätzliche Operationsfreiheit verschafft ihnen die türkische Mafia. Als die USA 2003 nach ihrem Einmarsch in den Irak türkischen Sicherheitskräften Säcke über die Köpfe zogen, waren die Betroffenen keine Fußsoldaten, sondern Kader vom beschriebenen Schlag. Und hieran entzündete sich der spezifisch antiamerikanische Aspekt der faschistischen Propaganda, der in zitiertem Film eines seiner wirkungsvollsten Werke geschaffen hat. Bis zum Interessenkonflikt um den Irak haben die faschistische Bewegung in der Türkei und die USA mehrere Jahrzehnte lang erfolgreich zusammengearbeitet.

Der Agent Polat ermordet in dem Film, ebenso wie in jeder Serienfolge, Dutzende von Kurden, traktiert Araber, tut alles, was faschistische Paramilitärs schon immer getan haben. Nur legt er sich jetzt zusätzlich mit US-Soldaten an. Und dadurch wird der antisemitische Aspekt dieses Faschismus sichtbar, denn zur Legitimation eines zusätzlichen Aggressionsziels USA vor dem Publikum braucht es ihn. Die Behandlung der Araber kann ja schlecht als Grund herhalten, denn was den Umgang mit den Staatsinteressen entgegenstehenden Bevölkerungsgruppen angeht, ist man in der Türkei ganz Anderes gewohnt, und könnte man heute in Mosul, wie man wollte, würde man die Taten der USA dort vermutlich toppen. Glaubensbruderschaft geht ebenfalls nicht, denn die faschistische Bewegung ist säkulär bis religionsfeindlich, auch wenn sie sich den Zeittrends mittlerweile etwas anpassen muss.

Also wird das Weltsystem bekämpft, das die Türken schon immer ungerecht behandelt hat, hier in Form von organhandelnden jüdischen Ärzten (schon in der Wahl eines Arztes steckt, wichtiger als die hierzulande konstatierten Parallelen zur Figur Mengeles, Misstrauen gegen Aufklärung, Wissenschaft, moderne städtische Institutionen - Intellektuellenfeindlichkeit), die im Film das tun, was die faschistische Mafia in türkischen Großstädten in Wirklichkeit tut: Armen Menschen die Organe rauben und verticken. Im Film aber kann man sich als eine Art bessere Alternative fühlen; man würde den Menschen guttun, wenn man selbst dort Kolonialmacht wäre. Und erst gar keine Ärzte schicken. Agent Polats Nachname lautet Alemdar, das heißt auf Osmanisch: Dem die Welt gehört.

Es ging bei Küper-Büsch in der Jungle World nur marginal um das Tal der Wölfe, und mir nicht um eine Attacke auf den Artikel, sondern eine eigene Auseinandersetzung. Dennoch stört diese Verkürzung, die sämtliche anderen Dimensionen des türkischen Faschismus ausblendet und die antisemitische herausgreift, weil sie sich umstandslos in den deutschen Mainstream integrieren lässt; weil isolierten Antisemitismus zu kritisieren nicht zwangsläufig Kritik von weltweit agierenden Strukturen zu erfordern, sondern mit der Abgrenzung vom moslemischen Anderen sich abgelten zu lassen scheint.

Hier müsste eine Antisemitismkritik, die es ernst meint, einen Schritt weiter gehen und sich vom Mainstreamkonsens verabschieden, für den die Taten türkischer Faschisten nie thematisierenswert waren, solange die sich nicht gegen NATO-Strategien gewandt hatten - und dem es auch heute keineswegs um Herrschaftskritik bestellt ist.

Leider hat Justus Wertmüller, soweit ich mich zurückzuerinnern vermag, seinerzeit in einer Polemik gegen die Kurdistansolidarität in der Jungle World die Paramilitärs, die das "echte" Pendant zum Agenten Polat bilden, vehement verteidigt, mit dem schön realpolitischen Argument, dass sie ihre Ausbildung in Israel erhalten hätten. Es ist ein seltsames Gefühl, Küper-Büschs wichtigen und fundierten Artikel in der Jungle World zu lesen, einerseits fast unterwürfige Dankbarkeit verspürend, dass da sowas nicht mehr drinsteht, andererseits aber als gebranntes Kind unwillkürlich verschärftes Misstrauen walten lassend, das die Autorin vielleicht gar nicht verdient hat.

Oder doch? Gleich nach der Filmdiskussion spricht sie von der Hochkonjunktur antisemitischer Literatur, welche die Unterwanderung der Türkei durch Kryptojuden behaupte. Dann erklärt sie uns ausgiebig, was das denn sei, und schließt mit der Formulierung "...behaupten radikale Islamisten". Die ja sowieso immer nur Böses tun. Tun sie ja auch. Küper-Büsch aber unterschlägt uns, dass die Masse der Publikationen, sowie die größten Bestseller unter ihnen, im Gegenteil aus kemalistischer Sicht behaupten, die islamische AKP-Regierung sei eine Bande von Krypojuden.
Antisemitismus in der Türkei, das wollte schon H. Bayraktar in ihrer Arbeit nicht benennen, ist wesentlich unter Kemalisten zu Hause, ist Strukturelement linkspopulistischer Agitation, hat seine ideengeschichtliche Verortung primär im säkularistischen Nationalismus.
Ich finde, bei dem Thema - wenn man es schon so eindringlich behandelt hat - lohnt es sich, vorsichtig zu sein und genauer zu schauen, auch wenn es gerade en vogue ist, Moslems nicht zu mögen. En vogue zu sein hilft aber niemandem, menschenfeindliche Herrschaftsideologien zu analysieren.


Sonntag, 16. November 2008

Ich habe ein unglaublich emotionales Verhältnis zu Amerika. Szenen aus der amerikanischen Geschichte bringen mich schneller an den Rand des Losheulens vor Rührung oder Fassungslosigkeit, als ich es je bei deutscher oder anderer Geschichte erlebt habe. (War das jetzt politisch inkorrekt...?) Woher das kommt - keine Ahnung. Ich habe als Kind viel 'Fackeln im Sturm' geguckt, da fing es an. Aber ob es der eigentliche Auslöser war? Wer weiß, was ich schon im vorbewussten Kindesalter alles gucken durfte...

Bevor ich Anfang 2008 für ein paar Monate nach New York ging, hatte ich ein wenig Angst, dass diejenigen Recht haben würden, die mich vor einer bisherigen kompletten Idealisierung und der damit notwendigerweise folgenden Ernüchterung gewarnt hatten. Obwohl ich nie das Gefühl hatte, Amerika übermäßig zu idealisieren - es hatte mehr was mit Empathie zu tun, die oft eben zu Fassungslosigkeit führte über ein Land, das in solch einer inneren Spannung von Anspruch und Wirklichkeit lebt.

Als ich dann dort war - schwierig zu beschreiben. Es wirkte alles unglaublich vertraut, von Anfang an und in jeder Hinsicht. Das kann man auch nicht mit meinem reichlichen Konsum von US-Serien und -Filmen erklären. Jedenfalls war New York wirklich zuhause für mich, mehr als jede andere Stadt, abgesehen natürlich von Berlin. 

Nun gibt es einen neuen Präsidenten, den alle, die ich auf dieser und der anderen Seite des Atlantiks kenne, sich gewünscht hatten. Manche mehr, manche weniger enthusiastisch. Komischerweise bilde ich mir ein, sogar zu den weniger enthusiastischen zu gehören. Weil mir vielleicht der Spielraum, den Obama hat, deutlicher bewusst ist. Nein, sogar noch radikaler: weil ich glaube, dass die Welt in ihn Wünsche reinprojeziert, die für ihn nicht nur schwierig sein könnten umzusetzen, nein, sondern Wünsche, die er selbst gar nicht hat. Er ist so viel amerikanischer (im alteuropäischen Wortsinne), als viele es sich hier (alp-)träumen lassen. Man lese nur mal was zu seiner Einstellung zur Todesstrafe... Dennoch bin ich froh, dass er es wurde und nicht der alte traumatisierte Veteran. 


video

Erstaunlich finde ich, wie schnell sich die Medien hier auf die neue pro-amerikanische Symbolik eingeschossen haben. Plötzlich steht die US-Flagge wieder für den American Dream statt für den Größenwahn des G.W. Bush, Imperialismus und Abu Ghraib. Selbst eine meiner wahrhaft anti-amerikanischen amerikanischen Freundinnen aus New York ist nun, wie sie mir gerade schrieb, das erste Mal in ihrem Leben stolz, Amerikanerin zu sein und diese Flagge zu sehen, mit sich zu identifizieren.

Für mich war diese Flagge immer widersprüchlich, wie der manifestierte Beweis dieser Kluft von Anspruch und Realität. Und damit eben unglaublich emotional beladen. Eben hab ich mir meine Fotos aus New York angesehen, die Flagge ist auf vielen von ihnen drauf. Weil ich alles, was mit Religion zu tun hat, fotografiert habe. Die Flagge gehört eindeutig dazu. Jetzt schaue ich mir die Bilder an und versuche, in mich reinzuhören, ob sich in den letzten Wochen was verändert hat, ob ich die Fotos anders sehe. Irgendwie nicht. Heißt das, dass ich mich über den neuen Präsidenten nicht genug freue, die 'Erlösung', oder ob ich tief in mir nie geglaubt habe, dass Bush und co. ernsthaft dem etwas anhaben können, wofür Amerika steht, dass es einfach nie schlimm genug war? Vielleicht ist es mit der Flagge ein wenig wie mit dem Yin-und-Yang-Zeichen: es  war und ist immer ein bißchen Bush drin, immer ein bißchen Obama. (Und viel weniger Alt-Europa, als viele grad zu sehen vermeinen. )


am ende wird alles gut wenn nicht dann war es nicht das ende

heimfahrt

regnet es jetzt doch ja alles ist nass draussen aber egal irgendwann muss ich eh fahren ist noch weit nach schöneberg eigentlich hab ich nen tick zu viel prosecco getrunken aber da es jetzt ja regnet und es eh ganz schön kühl ist bin ich dann nachher erstmal wieder frisch und schlaf besser vielleicht geh ich dann morgen sogar ins fitnesstudio wobei am sonntag einfach mal im bett zu bleiben ja auch ganz schön ist aber jetzt erstmal heim eigentlich ist friedrichshain in manchen ecken doch echt schmuck gentrification sieht man hier schon krass mit zu viel prosecco fahrrad fahren ist eh viel besser weil ich dann in wirklichkeit so langsam bin wie die taxifahrer immer glauben ansonsten wär der mir jetzt doch grad voll reingecrasht wäre voll ärgerlich gewesen schließlich hab ich den totalschaden am rad grad erst reparieren lassen und mein knie ist immer noch ganz blau und grün wahnsinn wieviele leute nachts noch in kreuzberg rumlaufen aber immer aufm radweg da kann ich ja nur auf der straße fahren auch wenn das gefährlich ist am samstag abend sindse doch alle betrunken nasses laub aufm radweg ist aber auch tricky also egal eigentlich schön dass die straßenlaternen alle orange sind warum eigentlich und nicht weiß viel gemütlicher und fast wie paris wenn ich jetzt dran denke wie viele leute hier an sommerabenden am kanal sitzen mit ihren bongos berlin ist schon so pseudo-alternativ schön isses dennoch und das casolare hat eh die besten pizzen oder pizzas oder was pizze sagt doch kein mensch ist wie cappuccini sind wir in mitte oder was ich bin schneller als der neben mir aufm radweg wehe der schneidet mich gleich kreuzberg ist halt doch nicht kreuzberg in 36 tobt noch das leben in 61 schlafen schon alle seit wann ham die denn so eine riesen mega glitzer postfiliale aber warum es in 36 jetzt ne biocompany gibt gleich neben der mevlana-moschee und der autowerkstatt vielleicht ist berlin ein einziges gentrification-projekt ich kann freihändig fahren obwohl es echt windig ist und der prosecco und spät isses auch sehr spät aber wenig leute hier die freikirche steht immer noch warum eigentlich  das religionsrevival ist doch schon wieder vorbei bush ist tot wobei der alex sieht von der brücke aus hier schön aus sogar wenn die sonne grad weder auf-noch untergeht ich bin voll nass obwohl es doch nur nieselt aber das macht fit und schöne locken und soll ja auch gut für die haut sein schreiben die frauenzeitschriften große regenschirme sehen aber trotzdem voll feminin aus die beiden frauen am straßenrand wirken total nach london mit den großen schwarzen schirmen kann ich nun das kopfsteinpflaster mit vollem tempo bergabwärts rattern obwohl da rechts vor links ist naja statistisch hab ich meinen unfall für dieses jahr schon hinter mir wenn es so dunkel ist sieht keiner dass mir jeder windstoß den rock hochweht in strumpfhosen hat man eh mehr beinfreiheit meine straße ist ja fast trocken es regnet mal wieder nur im osten hm gott bin ich müde gute nacht
Dank eines bewundernswerten Forschungsprojekts und Seminars einer bewundernswerten Person bin ich nach längerer Zeit mal wieder auf die Thematik der "whitness" in den USA gestoßen worden, freue mich tierich über meine wiederholte Lektüre James Baldwins, und kann mich nicht enthalten, auf ein Blog mit dem zunächst irritierenden Titel "things white people like" aufmerksam zu machen, welches über hier am Rand verlinktes Blog "Posthegemony" den Weg in meine kleine Welt gefunden hat. Zum Schamkomplex, keine Fremdsprache zu beherrschen, heißt es dort:

When you hear a white person say that they speak your native language, you will probably think it’s a good idea to start talking to them in said language. WRONG! Instead you should say something like “you speak (insert language)?” to which they will reply “a little” in your native tongue. If you just leave it here, the white person will feel fantastic for the rest of the day. If you push it any further and speak quickly, the white person will just look at you with a blank stare. Within a minute you will notice that blank stare has shifted from confusion to contempt. You have shamed them and your chance for friendship is ruined forever.

Finally, though they won’t admit it, white people do not believe that learning English is difficult. This is because if it were true, then that would mean that their housekeeper, gardener, mother-in-law (if they are an elite white person) are smarter than them. Needless to say, this realization would destroy their entire universe.


He he heut benutz ich keine Silbe html, although I actually do speak it, aber Ihr könnt ja alle selbst googeln und rumschauen...
Mein persönlicher Soundtrack dazu: Funkadelic - Sending Shockwaves Throughout the World.

Samstag, 15. November 2008

Gestatten, Ötzzzzzdemir.

Jetzt mal ehrlich: Ist es von professionellen Nachrichtensprechern, Journalisten  und Moderatoren der deutschen Medienlandschaft zu viel erwartet, sich endlich einmal mit der korrekten Aussprache türkischer Namen vertraut zu machen? Dass nicht jeder den Gluckergurgellaut im Namen des türkischen Ministerpräsidenten hinkriegt - okay. 

Aber der Name dessen, der in ein paar Minuten wohl zum Vorsitzenden der Grünen gewählt werden wird, ist auch für jeden Deutschen zwischen Pankow und Pasing aussprechbar. Ein sanftes, stimmhaftes 's' bitte. 'Ösdemir'. Klingt viel schöner als das penetrante 'Ötzzzzzdemir', das eben sogar Josef Winkler von den Grünen selbst ins Phoenix-Mikrophon krächzte. 

Ein Tribut an ignorante Medienmenschen, den vermeintlich ignoranten Fernsehzuschauer (a.k.a. potentiellen Grünenwähler OHNE türkischen Background), oder muss die Medienschelte meinerseits auf die Partei selbst ausgedehnt werden? Aber da isser ja eh nur 'der Cem', und das könnense irgendwie dann doch alle aussprechen. Genauso gut wie 'Joschka'. Und das ist doch schon was....

Donnerstag, 13. November 2008

Je ne vais plus parler

dürfte ich im Rahmen einer sufistischen oder sonstwie wundergläubigen Tagung zu zeitgenössischer Kulturtheorie einen Vortrag zum Thema Performativität halten, so würde ich ihn ganz sicher um dies jüngste Erlebnis herum aufbauen: Dass ich, mit Kopfweh erwacht, in eine Reflexion über ein Musikstück verfiel, welches die Angst vor der Vergänglichkeit des Glücks thematisiert, nach dem Verfassen einer diesbezüglichen E-Mail begann, es mehrmals hintereinander in zwei verschiedenen Versionen aufzulegen, und schon recht bald von einem Telefonanruf gestört wurde. Eine unsichere Stimme fragte, ob ich Herr K. sei. Ob es sich um einen Werbeanruf handele, fragte ich zurück. Sie druckste noch unsicherer, ich legte auf. Ist ja ein beschissener Job, wer möchte schon Spammails händisch abfassen, und dann erst mündlich, immer wieder, mit einem Supervisor im Rücken. Trotzdem hasse ich die, die anrufen. Sie machen ungefähr die Hälfte aller auf meinem Festnetz eingehenden Anrufe aus.

Dank des Musikstücks im Hintergrund wurde ich in jene Zeit zurückgerissen, da Telefonspam die einzige Form von Kommunikation mit der Außenwelt darstellte, und ich einer Tonbandstimme glauben wollte, ich müsse nur die angegebene Nummer zurückrufen und würde bereits etwas gewonnen haben. Ich tat es, es kostete über zehn Pfund Sterling. Ich hatte wenig Geld und niemanden, mit dem ich diese zehn Pfund sinnvoller hätte ausgeben können. Letztlich war es so etwas wie Telefonsex für Autisten.

Zurück an jenem Ort und jener Stelle, erfasste mich eine tiefe Schwermut. Und - genau: - Angst vor der Vergänglichkeit des relativen Glücks des heutigen Tages. Brachte die Nadel an den Anfang des Musikstücks zurück, um quasi den vergangenen Augenblick vor dem Spamanruf zurückzurufen. Und wurde noch zweimal unmittelbar hintereinander von Anrufen gestört: Von zwei Menschen, die ich sehr mag, und die sich nach mir erkundigten.

Sonntag, 9. November 2008

mit 17 tat ich viele Dinge, die meinen Vater verärgerten. Eines davon, jenseits politischer und geschlechtlicher Identitätssuche, war das Action Painting. Große Bögen Packpapier spannte ich auf die Tür, noch größere an die Rauhfasertapete; mit Dispersionsfarben aus dem Baumarkt und wenigen groben Pinseln ließ ich dynamische Werke entstehen, die sich nicht selten auf Türrahmen, Wand, Bett und Regalen fortsetzten. Es war die nerdigere Version des damals in Dortmund sehr verbreiteten Sprayens, und glaubt man daran, dass die Kernfamilie die Keimzelle des Staates sei, so richtete sie mindestens ebenso viel gesellschaftlichen Schaden an.
Zu jeder Session legte ich Klassiker und Evergreens des free jazz, des noisecore oder der improvisierten Musik auf. Meine Vorbilder mag ich kaum noch nennen, es waren Penck und Baselitz, glücklicherweise auch Jackson Pollock, den ich nach wie vor mag. Dessen Werk 1960 auf dem Cover eines Albums von Ornette Coleman Verwendung fand. So alt ist schon die Idee, raumzeitliche Dynamiken moderner Malerei mit denen improvisierter Musik zu verbinden.
Und dennoch verzieht ein Ansager eine Schnute, als er gestern in der Berlinischen Gallerie einen Auftritt von Phil Wachsmann, Ronit Kirchman und Paul Lovens ankündigt, zu dem eine Berliner Künstlerin Malerei, "auf neudeutsch Action Painting" beitragen werde.

Dass die Grenzen zwischen den Kritikern der Verdenglishung und den Überbleibseln einer einst staatlich subventionierten Kulturszene fluid sind, war mir schon klar. Jene sprechen einem Unternehmen wie der Bahn das Recht ab, Worte wie "InfoPoint" zu benutzen, tolerieren aber formell, und vermutlich auch inhaltlich, die "kostenlose Familienkindermitnahme" im Fernverkehr. Diese brüskieren sich über Kommerzialisierung und Populärkultur, trauen aber ihrem eigenen Publikum anscheinend nicht zu, kritisch differenzieren zu können, wenn etwas als Hochkultur deklariert daherkommt.

Wachsmann, Kirchman und Lovens spielten im Rahmen des Total Music Festivals. Es war das einzige Konzert, das ich mir angeschaut habe, obschon sicher nicht das einzig lohnenswerte. Zwei Violinen und die Perkussion, konzentriert, unaufdringlich virtuos, humorvoll, und so. Wachsmann und Lovens sind zwei in jeder Hinsicht bewundernswerte Musiker zeitloser Präsenz, und die noch junge Kirchman (ja, bei der improvisierten Musik ist ein Mensch meines Alters noch jung...) aktivierte sichtlich ihr gesamtes Können, um auf gleichem Niveau beizutragen. Man mochte ihnen gern zusehen, wie sie interagierten.
Konnte ich aber nur bedingt, weil ja die neudeutsche Action Painterin im Hintergrund zugange war. Sie hatte zwei oder drei lustige Ideen, die bei ihren zwei oder drei mitgebrachten Fans laute Lacher erzeugten, weil sie vorher sicher noch niemand gehabt hatte. So mit einem Putzlumpen Farbe auf die Fläche zu klatschen oder sie mit der Spitze eines Hämmerchens zu malträtieren, weil ja die drei professionellen Musiker/innen oft so verhalten improvisierten, dass immer noch Platz für ein paar durchdringende Hammerschläge war ha ha ha. Oder mit Wachsmalstift mehrere Davidsternchen auf den Malgrund zu kritzeln, sicher formte sich spontan die Assoziation Wachsmaler-Wachsmann-Jud im kleinen Berliner Künstlerinnenköpfchen, voll so stream-of-consciousness.

Die beiden erfahrenen Herren ließen sich nicht ansehen, wie sie zu der neudeutschen Actionpainterei standen, die mit affektierten Gesten á la stade des miroirs immer größere Batzen der Publikumsaufmerksamkeit einforderte, und zunehmend blödere Werke hinterließ, während der Klang der Musik schon der Ephemerität anheim fiel.

In dieser Konstellation zwischen flüchtig Bewegendem und bleibend Sichdurchsetzendem scheint sich all das zu kristallisieren, was aus dem Total Music Meeting, seinen Organisator/innen und seinem Publikum geworden ist. Das, was ich mit 17 in Dispersionsfarben ertränken wollte. Selten habe ich mich sozial so unwohl gefühlt bei einer Musik, die ich mag.


Die Flohmarktprinzessin und der Nazi

Völlig versunken tanzte sie zur Musik, die aus ihren Kopfhörern kam. Nicht, dass man damit nachts in der U1 in Kreuzberg auffallen würde. Aber sie sah schön aus, wie eine verträumte Fee. Und fiel daher doch auf. Zumindest mir und dem kleinen Nazi, der mir in der Bahn gegenübersaß. 

Grinsend stieß er seinen Kumpel an und deutete auf die Fee mit den langen blonden, leicht verfilzten Haaren, zu zwei unordentlichen Zöpfen gebunden, die da in der Ecke des Waggons stand und tanzte. Und konnte von da an seinen Blick nicht mehr von ihr lassen. Wie gebannt starrte er auf ihre schwarzen Netzstrumpfhosen, die braunen Retro-Stiefel, die viel zu weite abgeratzte Kapuzenstrickjacke, den  leicht verschlissenen Blümchenrock. Die meisten jungen Frauen, die nachts in der U1 von Kreuzberg nach Friedrichshain sitzen, sind in diesem Stil gekleidet, gerne mit Bierflasche als Accessoire. 

Der kleine Nazi schob seine schwarz-weiße Stirnmütze auf den kurzgeschorenen Haaren nach hinten, bleckte die Zähne (abgebrochener Vorderzahn, wie klassisch...). Der tätowierte Skorpion an seinem Hals sollte wohl eine Männlichkeit konstruieren, die ihm aufgrund seiner schmächtigen Größe sicher öfter abgesprochen wurde. Aber selbst die Bomberjacke mit all den Abzeichen wirkte in diesem Ambiente eher lächerlich denn bedrohlich.

Als der Nazi bemerkte, dass ich fasziniert von seiner offensichtlichen Faszination für die Flohmarktprinzessin war, zischte er kurz einen undefinierbaren Laut in meine Richtung, so dass ich mich erst einmal den Fußballergebnissen im 'Berliner Fenster' widmete. 

Kurz darauf erhob sich der Skorpion samt dranhängendem Jüngelchen, und er stellte sich dicht, sehr dicht, hinter die tanzende Fee. Die bemerkte nach wie vor nichts und war völlig abgetaucht in ihrer Musik. Auf wirklich unsubtile Weise musterte der Nazi diese Frau, die eigentlich so völlig außerhalb seines ästhetischen Empfindens (...) und erst recht seiner Reichweite stand, ließ den Blick immer wieder an ihren benetzstrumpfhosten Beinen rauf und runter fahren und sah aus, als wolle er sie gleich antanzen oder anfassen.

Endstation Warschauer Straße. Wir alle wechseln in die Tram. Die Fee tanzt und träumt nach wie vor. Der Nazi und sein Kumpel suchen sich einen Platz mit gutem Blick auf die Schöne. Schon eine Station später steigt sie wieder aus. Kurz hab ich fast Angst um sie, Angst, dass die beiden ihr in die dunkle Friedrichshainer Nacht folgen werden. Stattdessen kleben die beiden an der Scheibe und schauen zu, wie die Flohmarktprinzessin, kurz nachdem sie sich in ihr Leben getanzt hat, schon wieder in ihre eigene Welt entschwindet. Selbst ein Nazileben im heutigen Berlin entbehrt nicht einer gewissen Tragik...


Mittwoch, 5. November 2008

Obama going Jamaica...

Sonntag, 2. November 2008

Irgendwo hinterm Berliner Hauptbahnhof, Samstag nacht, 2 Uhr. Im 2Be Club reibt sich das Prekariat, in Glitzer, Sonnenbrillen und Basecaps gewandet, zur Black Music, die von einem DJ aufgelegt wird, der gefühlte 17 Jahre alt ist. Ein wenig wie in der katholischen Kirche sind Pausen im Rap dazu da, eine Antwort zu grölen, was alle auch in schönster Einigkeit tun: 'Go out of da way, bitch, go out of da way. Bitch, go out of da way, bitch, go out of da way!' Ich shake zwischen einem Jungen mit Irokesenschnitt, der aussieht, als ob er aus Brandenburg-Land mal nen Abstecher in die Großstadt machen durfte, und zwei für ihr Alter und ihre Figur zu leicht bekleideten Blondinen um die 18. Und überlege, ob ich den Bitch-Talk nun irgendwie teenagerabgebrüht cool finde oder mich in vorher nie registrierten old school-feministischen Gefühlen verletzt fühlen sollte. Es macht Spaß, nachts um 2 hinterm Hauptbahnhof ein wenig intellektuell zu sein. Für's Coolsein hab ich nämlich die Sonnenbrille vergessen.

Samstag, 1. November 2008

Halloween post-9/11

Gestern war Halloween. Ja, auch hier in Berlin. Dies  fiel mir vor allem daran auf, dass mir nachts, als ich von Schöneberg nach Tiergarten fuhr, für die Uhrzeit unverhältnismäßig viele kleine Kinder ins Rad rannten. Normalerweise hat man zumindest nach Einbruch der Dunkelheit davor halbwegs Ruhe. Nicht so an Halloween. Aber statt Zorros und Gespenstern ein einziger post-9/11-traumatischer Spießrutenlauf: die dunklen Umhänge, was war da noch, Iran, Burka, Tschador, Taliban, huhhhh. Die weißen Umhänge, krassssss, überall so kleine Abu Ghraib-Folteropfer. Kinder, das ist doch alles nicht mehr lustig! Das waren noch Zeiten, als wir als Prinzessin, Clown und Indianer zu Lambada tanzten.....ich wollte nie als Abu Ghraib-Häftling auf dem Schulfasching auftauchen - Golden Times....