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Donnerstag, 17. Dezember 2009

Der Gräfekiez als der Prenzlberg Kreuzbergs: Verlagerung der Subkulturen als Zeichen umfassender Gentrifizierung. War der Radfahrer einst der Revoluzzer, der eine ADAC-fixierte bürgerliche Ordnungsmoral herausforderte, ist er heute Teil des Mainstreams (zusammen mit den Rauchern, übrigens), der von resoluten Elterntieren in seine räumlichen Schranken gewiesen wird, auf dass sich der Bildungsbürgernachwuchs samt Erzeugern frei entfalten kann.

Donnerstag, 26. November 2009

Vielleicht hießen sie Chantalle, Rico und Danny. Oder Melanie, Sascha und Mirko. Oder sonstwie. Ich glaube allerdings nicht, dass ihre Namen Ann-Sophie, Leonard und Torben waren. Oder Viktoria, Elias und Henrik. Aber man weiß ja nie. Vorurteile sind gefährlich und trügerisch.

Doch eigentlich geht es um was ganz anderes. Morgens im Volkspark kommen mir die drei entgegen. Vermutlich um die 18 Jahre alt. Einer mit schwarzem Sweater, Basecap und tatsächlich einer Jeansweste. Mit Heavy Metal-Aufdruck. Die hab ich das letzte Mal Ende der 1980er Jahre gesehen, Wahnsinn. Der andere groß, bleich, gelbblond, weiße Ballonseidejacke, weiße Baggyjeans, Plastikturnschuhe. Sie daneben aufgeschwemmt-dick, orangefarbene Blocksträhnen im gelben Haar. Irgendwas in Hellblau-Weiß trägt sie. Nochmal zu meinem Schubladendenken: die drei sehen aus wie das personifizierte deutsche Prekariat. Die Plattenbauvariante. Obwohl wir ja in Schöneberg sind und nicht in Lichtenberg oder Marzahn.

Doch wirklich vollständig wird mein Eindruck erst durch ihre Accessoires. Jeder der drei führt an der Leine einen Kampfhund spazieren. Ein Pitbull, zwei Bullterrier. Alle ordentlich mit Ledermaulkorb. Als ich an den dreien vorbeijogge, regt sich Chantalle/Melanie/Ann-Sophie/Viktoria grade auf: "Dit is so scheiße, aber die müssen dit ja tragen, ne, dürfen ja jar nüscht anders raus, voll scheiße."

Eine halbe Stunde später sehe ich die drei wieder. In dem umzäunten Hundeauslaufbereich sitzen sie auf einer Parkbank und schauen dabei zu, wie ihre drei Kampfhunde, jetzt ohne Leine und Maulkorb, einen vierten Hund, relativ groß, fast totbeißen. Die Hunde bellen, fauchen und reagieren überhaupt nicht drauf , wenn einer von den drei Jugendlichen mal 'Aus!' schreit. Das Herrchen des vierten Hundes traut sich nicht, zwischen die beißende Kampfhundmeute zu gehen und schaut hilflos zu.

Nennt mich sozialchauvinistisch. Aber ich finde, solche Teenager (und ja, ich bezeichne sie als Prekariat) sollten keine Kampfhunde halten dürfen. Alle anderen Menschen übrigens auch nicht. Aber die wollen das interessanterweise meist ja gar nicht...

Freitag, 13. November 2009


Funny van Dannen singt:
Heute habe ich Hans-Georg gesagt, dass er mich nie mehr besuchen soll.
Heute habe ich im ins Gesicht gesagt: Ich hab von dir die Schnauze voll!
Ich kann dein Gerede nicht mehr hören, dein Geschimpfe und dein Kritisieren.
Wer dir zu lange zuhört, kann die Freude am Leben verlieren!


Erzähl doch mal was Schönes,
du kommst doch so viel rum!
Da muss man doch auch was Schönes erleben,
oder bringt sich jeder Zweite um?
Erzähl doch mal was Schönes,
und lass den Zynismus sein,
Erzähl mir was Schönes,
sonst kommst du hier nicht mehr rein!


Heute habe ich zu Hans-Georg gesagt: Schau dich bitte einmal selber an!
Was bist du denn für einer? Ein egoistischer, einsamer Mann!
Du hättest Luise heiraten sollen, sie wollte Kinder von dir.
Da warst du so überfordert und jetzt hockst du alleine hier.
Jetzt bist du auch noch schadenfroh, weil ihr Mann sie verlassen hat.
Was hat sie dir denn angetan? Ich hab deine Art so satt!


Erzähl doch mal was Schönes,
du kommst doch so viel rum!
Da muss man doch auch was Schönes erleben,
oder bringt sich jeder Zweite um?
Erzähl doch mal was Schönes,
und lass den Zynismus sein,
Erzähl mir was Schönes,
sonst kommst du hier nicht mehr rein!


Du hast nie den Mut gehabt, dich auf jemanden einzulassen.
Du hast die Liebe nicht riskiert und jetzt musst du sie hassen.
Ja, jetzt musst du immer das Schlechte sehen, damit du dich gut fühlen kannst.
Du hast nie eine Frau gesucht, nur ein Zuhause für deinen Schwanz.


Erzähl doch mal was Schönes,
du kommst doch so viel rum!
Da muss man doch auch was Schönes erleben,
oder bringt sich jeder Zweite um?
Erzähl doch mal was Schönes,
es muss ja nichts Großes sein
Erzähl mir bitte was Schönes,
sonst kommst du hier nicht mehr rein!

Und ich frage mich: Kenne ich denn wirklich jeden der skurrilen Funny van Dannen-Charaktere persönlich??? Den hier kenne ich jedenfalls sehr sehr gut......

Montag, 26. Oktober 2009

Sie ignorierte uns einfach. Dabei verhielten wir uns wie aufmüpfige Kinder, die den Bogen versuchen so weit zu überspannen, bis man einen richtigen Anschiss als Liebesbeweis und Zeichen der Anerkennung bekommt. Aber sie ignorierte uns.


Es war Samstag nacht gegen halb eins. Das kleine Café in Kreuzberg ist sehr Berlin-niedlich-retro. Ein wenig Oma-Style mit all den Polstermöbeln und Tapeten, ein Schuss französisches Landhaus mit den Holztischen, eine total kreative Speisekarte in Silberschrift auf Schwarz, natürlich handgeschrieben in Schreibschrift, dazwischen Musiknoten und Schwarzweißfotos der kreativen Mitarbeiter mit Menü-Empfehlungen. Zum Aufklappen. Und dazwischen wiederum die Crêpes, in silberner Schreibschrift. Wir wollten je ein Crêpe mit Schokolade. Und was trinken. Natürlich. Aber sie ignorierte uns.


Die Kellnerin beachtete uns überhaupt nicht. An den anderen Tischen aßen und tranken die retro-schicken Neukreuzberger und parlierten teils auf Französisch, teils auf ex-schwäbisch. Rotweinkaraffen auf einigen Tischen. Er ging vor an die Bar. Die beiden sehr schicken jungen Herren an der Bar ignorierten ihn ebenfalls. Völlig. Vermeidung von Blickkontakt. Nun gut, er brachte eine der kreativen Karten an unseren Tisch. Wir waren erstmal beschäftigt. Mit der silbernen Schreibschrift.






















Eine Viertelstunde später ging er los. Raus. Zum Spätkauf. Er kam zurück mit zwei Flaschen und Schokolade. Zwar ohne Crêpes dazu, aber man muss manchmal eben Abstriche machen. Wir öffneten die Flaschen. Mit dem Feuerzeug. Knisterten mit dem Alupapier der Schokolade. Dazu wollten wir rauchen. Keiner brachte uns einen Aschenbecher. Er sagte, im Baskenland hätten alle auf den Boden geascht. Also aschten wir auf den Boden. Tranken. Aßen. Unterhielten uns.

Der Laden ist recht klein. Sicher weniger als 10 Tische. Die Kellnerin kam ein paarmal vorbei. Kein Blickkontakt. Kein Kommentar. Wir überlegten uns verschiedene Antworten, falls jemand was sagen würde. Von patzig bis jovial. Aber niemand sprach mit uns. Wir wollten aufmüpfig sein. Rebellieren. Provozieren. Aber sie ignorierte uns.

Als die Kellnerin sich - zwei Stunden später - am Nebentisch eine Zigarette anzündete, zogen wir uns in aller Ruhe an und gingen. Unser Müll lag auf dem Tisch. Die Flaschen. Das Alupapier. Aschereste. Sie ignorierte uns.

Wenn es darum geht zu rebellieren und zu provozieren: den Kampf hat die Kellnerin eindeutig gegen uns gewonnen.....

Mittwoch, 5. August 2009

Prenzlauer Berg-Bashing de luxe

Noch ein allerletzter Kommentar für den, der sich angesprochen fühlen möge:

Sonntag, 26. Juli 2009

Hiddensee

Die Ruhe hier macht mich wahnsinnig. Es mag ja sein, dass Leute bei Nichtstun wunderbar entspannen können. Und seltsamerweise kann ich auch problemlos ein ganzes Wochenende in Berliner Cafés rumhängen. Aber hier auf Hiddensee werde ich langsam nervös. Es ist ja nicht so, dass es hier nicht schön wäre. Schön. Nett. Idyllisch. Aber schon das ist hart an der Grenze. Ich fühle mich, als ob ich in einem Disneyland-Puppenhaus wäre. Alles total niedlich und weiß-hellblau und Holz und so. Der Friseur heißt 'Die Bö', der Buchladen 'Koralle'. Zuckerschock. In jedem Café werde ich von Sanddorn verfolgt. Nach 2 Stunden auf Hiddensee schwöre ich mir, nie wieder im Leben Sanddorn zu konsumieren. Ebenso Bernstein. Überall Bernstein. Ketten, Armbänder, Ringe. Das meiste davon unglaublich hässlich verarbeitet. Manche Stücke sehen aus wie türkische Süßigkeiten - Lokum mit Nüssen drin. Wenigstens sind die meisten Kellnerinnen, Inselmarktbediensteten und anderes 'Personal' gewohnt DDR-unfreundlich. Ein wenig Essig auf diese klebrig-süße Niedlichkeit. Auch gut. Wenn's schon keine Autos gibt.

Leider wurde die Ruhe hier nicht einmal durch die 'gefährlichen Tiere' gestört, vor der uns die Dame von der Biostation hier in einer umfangreichen Power Point-Präsentation gewarnt hat. Hiddensee ist das Australien Deutschlands - voller Giftschlangen (Kreuzottern!), fieser Insekten (Zecken) und Fabeltiere (Reineke Fuchs). Ich habe gelernt, dass Kreuzottern schwimmen können und sich letzten Sommer einer Wirtin im Wasser um die Wade gewickelt haben, um sie zu beißen. Dass jeder auf Hiddensee ständig Borreliose hat. Dass die Füchse sich mittlerweile fröhlich vermehren, weil die Tollwut hier ausgerottet ist.

Als es gestern sehr stark regnete und windete, hoffte ich auf ein schönes Foto von Kreuzottern, die an unserem Bungalow vorbeigeschwemmt werden. Umsonst - selbst die Giftschlangen weigern sich, mir meinen Urlaub ein wenig zu vergiften - dabei wäre dieses Gift gerade die schönste Süßigkeit....

Montag, 13. Juli 2009

Du Motivsockenträger, du Teletubbies-Zurückwinker, du Beckenrandschwimmer!!!

Freitag, 26. Juni 2009

Die Welt ist in Aufruhr. Sonderberichterstattung im Fernsehen. Panische Facebook-Meldungen. Fassungslose Kommentare dazu. Ja, das Leben ist grausam. Michael Jackson ist tot. Heute morgen wurde ich im Netz gleich mit der Fülle nekrologischer Betroffenheitsveröffentlichungen überschwemmt. Einige Leute posten seit gestern nacht im Fünfminutentakt Hymnen an MJ, wie er nun liebevoll-vertraut abgekürzt wird. In erschütterndem Pathos wird der 'boy who never knew the beauty of his own face' (Prof. Farah Jasmine Griffin) betrauert, das mit 'u go way deep' und  'wow, that's a big statement, bro' kommentiert wird. Bereits zwei meiner Facebook-Freunde haben Artikel mit angeschlossener Kondolenzseite verfasst, wo man seine 'Gedanken, Gefühle, Erinnerungen' hinterlassen soll. 

Noch vor einigen Tagen beschrieb ich mein Missfallen an übermäßiger Laienberichterstattung zur Lage im Iran. Ich könnte mir vorstellen, dass ich dieses Missfallen mit den iranischen Systemträgern um Ahmadinejad teile. Von daher möchte ich meine Verschwörungstheorie des Tages präsentieren:

In erschreckend zutreffender Weise dachte sich der iranische Geheimdienst, dass die Welt sicher auf dem Kopf stehen wird, wenn dieser leicht pädophile und paranoide Glitzer-Zombie dahinscheiden wird. Also ließ er MJ um die Ecke bringen und freut sich nun, dass die Menschen und Medien dieser Welt für eine Weile von so unwichtigen Dingen wie schießenden Milizen in Teheran abgelenkt sind. Touché!

Samstag, 20. Juni 2009

Nur zu dritt sind sie. Und belegen doch einen ganzen Abschnitt des S-Bahn-Wagens. Ich hab sie zu spät gesehen, so dass ich und mein Begleiter nun ganz nah an ihnen dran sitzen. Feist ist der eine, dürr der andere, kräftig der dritte. Bleiche Haut haben sie, darauf viele bläuliche Tattoos, im Nacken, an den Waden, auf den Armen. Ganz kurz geschorene Haare. Der Kräftige hat eine unglaubliche Menge an Piercings im Gesicht und in den Ohren. Er scheint der coole Obermacker zu sein, der wenig redet. Die anderen beiden sind - fast wie in jeder Collegeserie - seine beiden geistig etwas zurückgebliebenen Buddies, Dick und Doof, die laut im Waggon rumproleten, während der Kräftige mit starrem Bierblick vor sich hinschaut. Nazis sind echt peinliche Erscheinungen. Warum sind sie meist richtig häßlich, warum dieser dummdreiste Blick, diese Verliererfressen, die sich hinter den Fratzen verbergen? Wird man, wenn man so ist, ein Nazi, oder wird man erst Nazi und dann so? Der ganze Waggon findet sie einerseits lächerlich, das merkt man, hat aber gleichzeitig Angst. Als die drei an einer Haltestelle draußen anscheinend Bekannte entdecken, machen sie demonstrativ mehrmals den Hitlergruß Richtung Bahnsteig. Keiner sagt was.

Es ist halb drei Uhr nachts, die Ringbahn vom Treptower Park Richtung Westen. Ansonsten sitzen im Wagen verstreut junge Leute, viele davon alternativ-studentisch aussehend, ein paar betrunkene Schüler, ein paar Jungs, die türkisch reden. Aber nur leise. Der ganze Waggon ist für diese Uhrzeit ungewöhnlich leise. Keiner will in das Blickfeld dieser drei martialisch wirkenden Männer geraten, das merkt man. Ein Mädchen mit Fransenschal und roten Schnürsenkeln in den Doc Martens wird von dem Dürren blöd angemacht, als sie aussteigen will. Als sie irritiert guckt, meint er "War nur Spaß." Der Feiste schießt sofort hinterher: "Nein, war es nicht." Aber da ist sie schon draußen.

In Neukölln steigen mehrere Jugendliche mit Migrationshintergrund ein. Ein afrikanisch aussehender Teenager und sein ostasiatischer Freund bemerken die Nazis ebenfalls zu spät und setzen sich auf die Sitze neben uns. Der schwarze Junge sinkt unter seiner Kapuze zusammen, nimmt seine Kopfhörer raus und schielt kurz nach hinten. Dann mit einem resignierten Kopfschütteln leise zu seinem Freund: "Was ist nur mit Deutschland los...."


Montag, 15. Juni 2009

Analysis: Iran election statistics muddy waters further | World news | guardian.co.uk, BBC NEWS | Middle East | Hostages' bodies 'found in Yemen', Protests in Tehran after election - Riot police caught by crowd, Op-Ed Columnist - Iran’s Day of Anguish - NYTimes.com, Why Obama Should Keep the Heat on Israel ... - TIME, Why the U.S. Should Start Talking to Hamas - TIME.
Das allein in den letzten 2 Stunden.

Dieser Post ist nicht anti-intellektuell oder bildungsfeindlich gemeint. Auch kein Plädoyer für apolitische Einstellungen oder Denkfaulheit. Dennoch: Was denken sich einige meiner sogenannten Facebookfreunde dabei, mir jeden Tag -zig Nachrichtenmeldungen von BBC, CNN und co. reinzuposten? Ich finde es ja schön, dass wir alle so interessiert an der Welt sind, uns das Schicksal des post-election Iran berührt, wir uns um Israel und Palästina sorgen bzw. ärgern und dieses Interesse mit all unseren Freunden teilen wollen. Vielleicht liegt es an einer relativen Homogenität meines Freundeskreises, dass ich fast NUR über Iran, Israel und Palästina zu lesen bekomme, nichts aber über die neuesten Erkenntnisse in der Astronomie oder hessischer Innenpolitik. (An dieser Stelle möchte ich ausdrücklichst keinen der Leser hier ermutigen, mich in Zukunft mit Kometensichtungsberichten und Ypsilanti-Stories zu behelligen!) Wenn dann noch dieselben Leute zu einem Thema (exemplarisch sei hier nun die Unruhen im Iran genannt) nicht nur ein, sondern gefühlte 27 Postings pro Minute machen, die allesamt über Youtube viele Menschen auf Teherans Straßen zeigen, dann ist das, nun ja, ermüdend. Zumindest bei mir führt es zu Politikverdrossenheit. Dasselbe Phänomen bemerkte ich übrigens schon beim Europawahlkampf auf Facebook. Aufgrund einer biographischen Vorbelastung war ich in einigen grünen oder grünennahen Facebook-Gruppen Mitglied bzw. hatte Wahlkämpfer in meiner Freundesliste. Unerträglich. Wirklich. Nicht nur die Anzahl der Postings, sondern die Inhalte ließen mich beinahe den Respekt vor dieser Partei verlieren, die mich zwar oft genervt hat, die ich aber immer für irgendwie 'tiefgründiger' gehalten hatte. Nicht dass ich glaube, dass andere Parteien besser wären. (Und genau dieser eigentlich unbegründete Glaube ließ mich den Grünen dann doch wieder meine Stimme schenken, wums-Peinlichkeiten zum Trotz). Aber zurück zu den Facebook-wannabe-Nachrichtensprechern: Es ist ja nicht so, dass wir jungen, urbanen, internetaffinen Möchtegernintellektuellen all diese Dinge nicht selbst recherchieren könnten. Auch von meinem Rechner aus kann ich auf CNN, BBC und youtube zugreifen - wenn ich es möchte, brauche und Zeit habe. Wie gesagt, nichts gegen wirklich interessante, außergewöhnliche Links. Doch wenn alles, was in der Tagesschau o.ä. erzählt wird, noch 34mal auf meiner Startseite in Form von bunt bebilderten Links auftaucht, ist das einfach nur anstrengend. Natürlich kann man sich mit derlei Nachrichtenverbreitung seinen Freunden als besonders politisch interessiert, nachdenklich und engagiert darstellen. Aber allein in der Zeit, bis man die entsprechenden Seiten alle hochgeladen hat, könnte man sicher für sich noch drei weitere Artikel lesen. Nur dann merkt's ja keiner....

Mittwoch, 27. Mai 2009

Sommer, der Versuch, intensiv zu leben, der Vorsatz, endlich wieder mehr Bücher zu lesen, der ganz feste Vorsatz, die Diss schnell fertig zu haben, Reha als Vollzeitjob, ein Umzugsprojekt der größeren Art : all das verträgt sich nicht so recht mit dem Wunsch, regelmäßig zu bloggen. Zeitmanagement ist ein furchtbarer Begriff, finde ich, die verbalisierte Technokratisierung des Lebens selbst. Mit Zeitmanagement würd ich vielleicht mehr davon hinkriegen, aber nur um den Preis der Aufgabe meiner Ideale. Eine meiner heiligen Kühe ist der Gedanke, dass man nur dann ein selbstbestimmtes Leben führt, wenn man sich nicht den Zwängen ökonomischer Zeitgestaltung unterwirft. Menschen, die sich wie Roboter mit Zeitschaltuhren behandeln lassen, werden zu solchen. Mein Leben muss nicht effizient, sondern es soll schön sein. Ich will in erster Linie glücklich werden, nicht produktives Humankapital. Wenn das zulasten des Bloggens gehen sollte: nun denn.


Damit wären wir bei einem der vielen Punkte. Denn da ich so lange nix geschrieben habe, ist in meinem Kopf ein großes Kuddelmuddel von Gedankenfetzen, lauter Punkte, die irgendwie zusammenhängen. Hier jedenfalls kann ich mit einem weiteren Punkt anknüpfen, der zumindest in meiner Logik dazupasst: ich bin viel linker, als ich dachte. Dabei wollte ich doch gar nie links sein. Obwohl, das stimmt nicht. Ich habe damit kokettiert, eigentlich nicht links zu sein, weil Linkssein in meiner Lebenswelt eh eine Selbstverständlichkeit war und ist und man nur so ein bissel provozieren konnte. Aber mein Provokationsbedürfnis ging nie so weit, dass ich konservativ wurde (weil mir das bis heute gleichbedeutend mit mangelnder Reflexionsfähigkeit scheint). Es hat gereicht, auf Grünentreffen Fleisch für alle und mal zum Test die Abschaffung der Quote zu fordern (was ich heute z.B. nie mehr tun würde). Irgendwie fand ich mich immer am ehesten liberal, aber nicht in diesem FDP-Verständnis. Die FDP, das lernte ich schon als Kind, ist unseriös, inhaltlich und personell, und das Stigma wurden die bei mir bis heute nicht los. (Aber da es ja Leute gibt, für die es wichtiger ist, dass eine Partei Frauen im Zahnarztgattinstyle auf ihren Plakaten zur Wahl anbietet als die Programmatik der Partei - und v.a. als deren Finanzierbarkeit - , muss sich die FDP um ihre Wählerstimmen keine Sorgen machen). 

- Okay, ich drifte ab. - 

Ich bin noch viel linker, als ich dachte. Und es wird stärker. Der Wahl-o-Mat hats bestätigt. Eigentlich denke ich jedoch, dass sich nur meine Prioritäten verschoben haben. Und dass, je älter ich werde, die Leute um mich seltsamer werden. Bieder und mit Tunnelblick. Längst nicht alle. Aber mehr, als ich dachte. Und nicht immer die, von denen ich es erwartet hätte.

 - Der Text ist wirr, ich weiß. Sei's drum. - 

Ich werde nie verstehen, warum man konservativ ist. Wie kann man von so was überzeugt sein, zumal als denkender Mensch? Langsam glaub ich an die Behauptung, dass es keine konservativen Intellektuellen geben kann, weil das ein Widerspruch in sich ist. Viele Dinge, von denen ich dachte, dass sie im Deutschland der heutigen Zeit völlig normal sind, sind es plötzlich doch nicht - die Überzeugung, dass Frauen und Männer wirklich auf jedem Feld gleichberechtigt sein sollen, dass es keine 'normalen' und 'weniger normalen' Sexualitäten gibt, dass Autorität konstruiert ist. Um mich herum stattdessen eine Autoritätsgläubigkeit, eine Selbstausbeutung im Arbeitsleben, eine unkritische Denkfaulheit, eine Zukunftsangst, dass man verzweifeln könnte. Aber nicht sollte. Dann wäre man ja auch so. 

- Nächster Gedankensprung. - 

Obwohl ich aber politisch immer weiter nach links rücke, merke ich doch, dass mir die 'Arbeiterklasse' und all das real sehr fern steht. Immer, wenn mir der akademische Betrieb zu sehr auf die Nerven geht, glaube ich, dass ich näher an die 'wirklichen' Menschen ranmöchte, raus aus den Elfenbeintürmen, rein in die deutschen Normalbürgerwelten. Die Reha momentan bietet mir in eben diese mehr Einblicke, als mir lieb ist. Tag für Tag stundenlang unter der Berliner Durchschnittsbevölkerung: ich bin einfach nur fassungslos, wie und worüber diese Leute reden, egal ob im Wartezimmer oder bei der Aqua Gym oder in der Umkleide oder beim Mittagessen. Was für Zeitungen sie lesen. Worüber sie lachen. Ich fühle mich - was ja eigentlich nicht linkssolidarisch ist, aber, so möchte ich behaupten, vermutlich nah dran an den Gedanken der meisten linken Intellektuellen - wirklich überlegen, in so ziemlich jeder Hinsicht. Und mir dämmert, wie unglaublich weit weg meine Lebenswelt davon ist. Überschneidungen finden vermutlich nur an der Kasse bei Plus oder im Bus statt. Und ganz ganz ehrlich: ich bin froh darüber. Denn langsam gehen meine Fremdschämreserven zur Neige. Der gute Effekt dieser an sich arroganten Haltung: die totale Motivation für die Wissenschaft, das Glücksgefühl, wieder an der Uni zu sein, das Bewusstsein, privilegiert zu sein, weil ich mich jeden Tag mit so interessanten Themen beschäftigen darf, selbstbestimmt mit meiner Zeit umgehen kann und dafür auch noch ganz gut bezahlt werde. 

- Und schwups, noch ein Gedankenhüpfer. - 

Dieser inneren Einsicht möchte ich nun nach außen Ausdruck verleihen und sie gleichzeitig in mir selbst fester verankern: das große Umzugsprojekt. So viele Jahre hab ich mit so vielen Leuten zusammengewohnt, und abgesehen von manchmal schwierigen hygienischen Verhältnissen gehörte es zu den mit Abstand schönsten Zeiten meines Lebens. Lange dachte ich, dafür ist man irgendwann zu alt. Jetzt, wo sich ganz unerwartet eine Tür aufgetan hat, kann ich es kaum erwarten, daran anzuknüpfen und freue mich auf diesen Schritt in die Freiheit. So fühlt es sich jedenfalls an - raus aus der mentalen Enge, die man sich z.T. selbst geschaffen hat. Und vor allem die Angst vor Neuem zu besiegen, die so viele schon kleingekriegt hat. Die Angst vor der Zukunft, die einen in seelenlosen Vorstadt-Reihenhäusern mit Pärchenfrühstücken enden lässt, der Desperate Housewives-Sicherheit eines gutbürgerlichen Lebens. Tun wir doch einfach mal so, als ob wir nur dieses eine Leben hier hätten..............

- Dies ist vielleicht der Gedanke, der alle anderen hier verbindet. - 

Ohne jetzt allzu besinnlich werden zu wollen: Wenn ich mal 80 bin, möchte ich nicht wissen, ich hätte vieles aus Angst oder Bequemlichkeit nicht gemacht. Sondern ich will sagen können, dass ich es so ähnlich wieder machen würde. Tun wir doch einfach mal so, als ob wir nur dieses eine Leben hier hätten............