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Freitag, 21. August 2009
Dienstag, 2. Juni 2009
Eigentlich kam ich nur zur Visite. Diesmal beim Oberguru-Doktor des Reha-Zentrums, ein freundlicher älterer Herr mit Hemd und Krawatte. Er guckte auf mein Knie, stellte ein paar Fragen, machte sich einige Notizen, freute sich über die gelungene Operation. All das in knapp fünf Minuten. Dann blickte er in meine Akte und wollte wissen, welches Fach ich denn studiere.
Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, welche Gesprächigkeit bei meinem Gegenüber ausgelöst wird, sobald es auf das Thema Islamwissenschaft kommt. Denn jeder hat dazu eine Meinung, wirklich jeder: türkische Nachbarn, Ehrenmorde, Palästina-Konflikt, Ägypten-Urlaube, Kopftücher. Es gibt ja so viel zu reden, nicht wahr?
In den folgenden 15 (!) Minuten handelten der Oberguru-Doktor und ich folgende Themen ab: Kann man die westlichen Islamwissenschaftler generell in zwei Lager einteilen, nämlich die totalen Beschöniger und die harschen Islamkritiker? Warum konvertieren Afroamerikaner zum Islam und was hat das mit der Protestantischen Ethik zu tun? Kann eine Religion per se (nicht-) rassistisch sein? Wir diskutierten den Unterschied zwischen slave societies (USA) und societies with slaves (arabische Welt) im Sinne Sherman Jacksons. Ein kurzer Schlenker zum Black Orientalism: ist der Islam qua seiner arabischen Prägung nicht auch inhärent rassistisch? Der Oberguru-Doktor warf die komplexe Frage nach der (Un-)Übersetzbarkeit des Koran aus dem Arabischen und die daraus resultierenden Implikationen (z.B. Arabozentrismus) auf. Darüber landeten wir bei der angeblichen Wissenschaftsfeindlichkeit des Islam, die der Oberguru-Doktor meint ausgemacht zu haben. Die Errungenschaften der islamischen Geschichte, so meinte er, seien doch alle auf konvertierte Juden zurückzuführen. Den hier eigentlich notwendigerweise anzuführenden Diskurs über strukturell antisemitische Stereotype ersparte ich uns. Dafür landete der Oberguru-Doktor jetzt bei der Tagespolitik: ist die Tatsache, dass sich die Palästinenser über jeden winzigen Erfolg über Gebühr freuen und diesen als Sieg uminterpretieren, nicht ein Zeichen für den dem Islam immanenten Willen zur Eroberung? Eine Religion des Kampfes? Ich problematisierte die Schwierigkeit essentialistischer Islam-Bilder, die es ja durchaus auch von muslimischer Seite gebe, um dann mit dem Oberguru-Doktor auszudiskutieren, wie wahrscheinlich eine 'Reform von innen' ist, die er als notwendig anmahnte. Darüber kamen wir nun zu Legitimationsstrategien dieser sogenannten Reformer und deren möglichen Chancen bzw. Grenzen, um in einem versöhnlichen 'mal sehen, was die Zukunft bringt' zu enden.
Denn inzwischen hatten wir fast 10 min überzogen, obwohl ich doch schon längst bei der Aqua Gym hätte sein sollen! Der Oberguru-Doktor bedankte sich für das Gespräch und sagte, ich könne jederzeit wieder vorbeikommen. Während ich die Stufen ins Schwimmbad runterschlitterte, sinnierte ich darüber, dass wir gar nicht über Kopftücher gesprochen hatten. Von daher war dieses Gespräch doch außergewöhnlich gewesen. Als ich in das kalte Wasser eintauchte und mich langsam abkühlte, dachte ich, dass es toll wäre, neben jedem Podium künftig ein eiskaltes Becken für die Diskutanten zu haben.
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LaMadame
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Mittwoch, 27. Mai 2009
Sommer, der Versuch, intensiv zu leben, der Vorsatz, endlich wieder mehr Bücher zu lesen, der ganz feste Vorsatz, die Diss schnell fertig zu haben, Reha als Vollzeitjob, ein Umzugsprojekt der größeren Art : all das verträgt sich nicht so recht mit dem Wunsch, regelmäßig zu bloggen. Zeitmanagement ist ein furchtbarer Begriff, finde ich, die verbalisierte Technokratisierung des Lebens selbst. Mit Zeitmanagement würd ich vielleicht mehr davon hinkriegen, aber nur um den Preis der Aufgabe meiner Ideale. Eine meiner heiligen Kühe ist der Gedanke, dass man nur dann ein selbstbestimmtes Leben führt, wenn man sich nicht den Zwängen ökonomischer Zeitgestaltung unterwirft. Menschen, die sich wie Roboter mit Zeitschaltuhren behandeln lassen, werden zu solchen. Mein Leben muss nicht effizient, sondern es soll schön sein. Ich will in erster Linie glücklich werden, nicht produktives Humankapital. Wenn das zulasten des Bloggens gehen sollte: nun denn.
Damit wären wir bei einem der vielen Punkte. Denn da ich so lange nix geschrieben habe, ist in meinem Kopf ein großes Kuddelmuddel von Gedankenfetzen, lauter Punkte, die irgendwie zusammenhängen. Hier jedenfalls kann ich mit einem weiteren Punkt anknüpfen, der zumindest in meiner Logik dazupasst: ich bin viel linker, als ich dachte. Dabei wollte ich doch gar nie links sein. Obwohl, das stimmt nicht. Ich habe damit kokettiert, eigentlich nicht links zu sein, weil Linkssein in meiner Lebenswelt eh eine Selbstverständlichkeit war und ist und man nur so ein bissel provozieren konnte. Aber mein Provokationsbedürfnis ging nie so weit, dass ich konservativ wurde (weil mir das bis heute gleichbedeutend mit mangelnder Reflexionsfähigkeit scheint). Es hat gereicht, auf Grünentreffen Fleisch für alle und mal zum Test die Abschaffung der Quote zu fordern (was ich heute z.B. nie mehr tun würde). Irgendwie fand ich mich immer am ehesten liberal, aber nicht in diesem FDP-Verständnis. Die FDP, das lernte ich schon als Kind, ist unseriös, inhaltlich und personell, und das Stigma wurden die bei mir bis heute nicht los. (Aber da es ja Leute gibt, für die es wichtiger ist, dass eine Partei Frauen im Zahnarztgattinstyle auf ihren Plakaten zur Wahl anbietet als die Programmatik der Partei - und v.a. als deren Finanzierbarkeit - , muss sich die FDP um ihre Wählerstimmen keine Sorgen machen).
- Okay, ich drifte ab. -
Ich bin noch viel linker, als ich dachte. Und es wird stärker. Der Wahl-o-Mat hats bestätigt. Eigentlich denke ich jedoch, dass sich nur meine Prioritäten verschoben haben. Und dass, je älter ich werde, die Leute um mich seltsamer werden. Bieder und mit Tunnelblick. Längst nicht alle. Aber mehr, als ich dachte. Und nicht immer die, von denen ich es erwartet hätte.
- Der Text ist wirr, ich weiß. Sei's drum. -
Ich werde nie verstehen, warum man konservativ ist. Wie kann man von so was überzeugt sein, zumal als denkender Mensch? Langsam glaub ich an die Behauptung, dass es keine konservativen Intellektuellen geben kann, weil das ein Widerspruch in sich ist. Viele Dinge, von denen ich dachte, dass sie im Deutschland der heutigen Zeit völlig normal sind, sind es plötzlich doch nicht - die Überzeugung, dass Frauen und Männer wirklich auf jedem Feld gleichberechtigt sein sollen, dass es keine 'normalen' und 'weniger normalen' Sexualitäten gibt, dass Autorität konstruiert ist. Um mich herum stattdessen eine Autoritätsgläubigkeit, eine Selbstausbeutung im Arbeitsleben, eine unkritische Denkfaulheit, eine Zukunftsangst, dass man verzweifeln könnte. Aber nicht sollte. Dann wäre man ja auch so.
- Nächster Gedankensprung. -
Obwohl ich aber politisch immer weiter nach links rücke, merke ich doch, dass mir die 'Arbeiterklasse' und all das real sehr fern steht. Immer, wenn mir der akademische Betrieb zu sehr auf die Nerven geht, glaube ich, dass ich näher an die 'wirklichen' Menschen ranmöchte, raus aus den Elfenbeintürmen, rein in die deutschen Normalbürgerwelten. Die Reha momentan bietet mir in eben diese mehr Einblicke, als mir lieb ist. Tag für Tag stundenlang unter der Berliner Durchschnittsbevölkerung: ich bin einfach nur fassungslos, wie und worüber diese Leute reden, egal ob im Wartezimmer oder bei der Aqua Gym oder in der Umkleide oder beim Mittagessen. Was für Zeitungen sie lesen. Worüber sie lachen. Ich fühle mich - was ja eigentlich nicht linkssolidarisch ist, aber, so möchte ich behaupten, vermutlich nah dran an den Gedanken der meisten linken Intellektuellen - wirklich überlegen, in so ziemlich jeder Hinsicht. Und mir dämmert, wie unglaublich weit weg meine Lebenswelt davon ist. Überschneidungen finden vermutlich nur an der Kasse bei Plus oder im Bus statt. Und ganz ganz ehrlich: ich bin froh darüber. Denn langsam gehen meine Fremdschämreserven zur Neige. Der gute Effekt dieser an sich arroganten Haltung: die totale Motivation für die Wissenschaft, das Glücksgefühl, wieder an der Uni zu sein, das Bewusstsein, privilegiert zu sein, weil ich mich jeden Tag mit so interessanten Themen beschäftigen darf, selbstbestimmt mit meiner Zeit umgehen kann und dafür auch noch ganz gut bezahlt werde.
- Und schwups, noch ein Gedankenhüpfer. -
Dieser inneren Einsicht möchte ich nun nach außen Ausdruck verleihen und sie gleichzeitig in mir selbst fester verankern: das große Umzugsprojekt. So viele Jahre hab ich mit so vielen Leuten zusammengewohnt, und abgesehen von manchmal schwierigen hygienischen Verhältnissen gehörte es zu den mit Abstand schönsten Zeiten meines Lebens. Lange dachte ich, dafür ist man irgendwann zu alt. Jetzt, wo sich ganz unerwartet eine Tür aufgetan hat, kann ich es kaum erwarten, daran anzuknüpfen und freue mich auf diesen Schritt in die Freiheit. So fühlt es sich jedenfalls an - raus aus der mentalen Enge, die man sich z.T. selbst geschaffen hat. Und vor allem die Angst vor Neuem zu besiegen, die so viele schon kleingekriegt hat. Die Angst vor der Zukunft, die einen in seelenlosen Vorstadt-Reihenhäusern mit Pärchenfrühstücken enden lässt, der Desperate Housewives-Sicherheit eines gutbürgerlichen Lebens. Tun wir doch einfach mal so, als ob wir nur dieses eine Leben hier hätten..............
- Dies ist vielleicht der Gedanke, der alle anderen hier verbindet. -
Ohne jetzt allzu besinnlich werden zu wollen: Wenn ich mal 80 bin, möchte ich nicht wissen, ich hätte vieles aus Angst oder Bequemlichkeit nicht gemacht. Sondern ich will sagen können, dass ich es so ähnlich wieder machen würde. Tun wir doch einfach mal so, als ob wir nur dieses eine Leben hier hätten............
Eingestellt von
LaMadame
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