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Freitag, 30. Juli 2010
Heute morgen, als ich aus dem Haus ging, stieg gerade ein junger Mann aus einem Auto und telefonierte. Das Gesicht, das Gesicht, das kannte ich doch...ein Schauspieler! Ja, ein Schauspieler! Aber wer bloß? Verdammt, woher kannte ich das Gesicht? Ich lief zum Supermarkt und grübelte, versuchte ihn mir in einer Szene vorzustellen. Welcher berühmte Schauspieler fuhr morgens durch Schöneberg? Naja, ist ja immerhin Berlin. Kurz vorm Eingang zu Reichelt hatte ich die Szene vor Augen: Er sitzt da, beleidigt, dass sie seinen Roman nicht angemessen würdigt. Schlecht gelaunt. Mimose. Ja, das war er! Jack Berger, der misanthrope Boyfriend von Carrie aus Sex and the City!!!! Okay, vielleicht war er's ja doch nicht.....
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LaMadame
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Freitag, 12. Februar 2010
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Donnerstag, 14. Januar 2010
Ich mag die Berliner Busfahrer irgendwie. Wenn sie doch nochmal die Tür für einen öffnen, dann einem patzig einen Vortrag halten über Verspätungen und das Wetter und überhaupt und dann doch irgendwann grinsen müssen, wenn man penetrant lieb lächelnd ganz artig 'trotzdem danke' sagt.
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Dienstag, 12. Januar 2010
Das Ehepaar schaute etwas pikiert auf die Frau, die sich neben ihn in der U-Bahn Richtung Kreuzberg niedergelassen hatte. Mit ihrer hellblauen, viel zu großen Windjacke, dem massigen Körper in den schmuddligen Stoffhosen, der rausgewachsenen schlecht blondierten kurzen Dauerwelle und dem groben Gesicht passte sie nicht zu dem verschneiten Sonntagmorgen, wo Berlin plötzlich so sauber und makellos wirkte. Die Plastiktüte mit klappernden Flaschen wies sie entweder als Alkoholikerin mit Provianttasche oder als eine der nimmermüden PfandflaschensammlerInnen aus, die damit ihr Hartz IV aufbessern. Oder beides. "Wo jeht et denn zum Mehringdamm?" fragte sie die neben ihr sitzende Frau laut und stupste sie dabei in die Seite. Diese sagte schüchtern, dass sie das nicht wisse, da sie und ihr Mann nicht von hier seien. "Woher kommense denn?" fragte die Windjackenfrau forsch zurück, mit Polizeiblick. "Aus Österreich." Ihr Ehemann schaute angestrengt nach draußen. "Österreich? War da nüscht der Neonazi an der Rejierung? Wie heeßt der nochmal?" Das Ehepaar blickt konsterniert vor sich hin. "Keine Ahnung", sagt die Frau leise. Offenbar möchte sie am Sonntag morgen nicht den Casus Haider in der U7 Richtung Rudow diskutieren. "Und was is aus dem jeworden?" blafft die Windjackenfrau. Ihre Plastiktüte klappert auffordernd. Schweigen. Die anderen Fahrgäste im Waggon weichen mit ihren Blicken aus. Nur ich und eine andere junge Frau haben Mühe, uns ein Grinsen zu verbeißen. Als das Ehepaar nicht mehr antwortet, beginnt die Windjackenfrau von ihren Feiertagen zu erzählen: "Meen Mann war im Jrankenhaus, Weihnachten und Silvester war ick alleen. Aber kann man nüscht machen, ne, krank is krank." Die österreichische Ehefrau nickt eifrig: "Jaja." Ich glaube, sie hat Angst vor dieser großen, lauten Person neben sich. Sie fügt leise hinzu: "Krank sein ist nicht schön." Die Windjackenfrau freut sich, sie hat ein gemeinsames Thema gefunden. Und erklärt dem Ehepaar eifrig, wie man gesund bleibt: "Lesen Sie die Apotheken-Umschau?" Das Ehepaar blickt sich fragend an. Die interkulturelle Verständigung gelangt gerade an ihre Grenzen. Dann kommt der Mehringdamm, und die Windjackenfrau zuckelt mit ihrer Tüte nach draußen. Ob man in Österreich am Sonntag morgen auch so viel Spaß haben kann?
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LaMadame
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Donnerstag, 17. Dezember 2009
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Samstag, 28. November 2009
Die Tristesse eines Weihnachtsmarktes Ende November bei Regen und 12 Grad Celsius. Hier in Steglitz mag trotz Zuckergusskarussell und amerikanischer Weihnachtsmusik keine rechte Adventsstimmung aufkommen....
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LaMadame
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Donnerstag, 26. November 2009
Vielleicht hießen sie Chantalle, Rico und Danny. Oder Melanie, Sascha und Mirko. Oder sonstwie. Ich glaube allerdings nicht, dass ihre Namen Ann-Sophie, Leonard und Torben waren. Oder Viktoria, Elias und Henrik. Aber man weiß ja nie. Vorurteile sind gefährlich und trügerisch.
Doch eigentlich geht es um was ganz anderes. Morgens im Volkspark kommen mir die drei entgegen. Vermutlich um die 18 Jahre alt. Einer mit schwarzem Sweater, Basecap und tatsächlich einer Jeansweste. Mit Heavy Metal-Aufdruck. Die hab ich das letzte Mal Ende der 1980er Jahre gesehen, Wahnsinn. Der andere groß, bleich, gelbblond, weiße Ballonseidejacke, weiße Baggyjeans, Plastikturnschuhe. Sie daneben aufgeschwemmt-dick, orangefarbene Blocksträhnen im gelben Haar. Irgendwas in Hellblau-Weiß trägt sie. Nochmal zu meinem Schubladendenken: die drei sehen aus wie das personifizierte deutsche Prekariat. Die Plattenbauvariante. Obwohl wir ja in Schöneberg sind und nicht in Lichtenberg oder Marzahn.
Doch wirklich vollständig wird mein Eindruck erst durch ihre Accessoires. Jeder der drei führt an der Leine einen Kampfhund spazieren. Ein Pitbull, zwei Bullterrier. Alle ordentlich mit Ledermaulkorb. Als ich an den dreien vorbeijogge, regt sich Chantalle/Melanie/Ann-Sophie/Viktoria grade auf: "Dit is so scheiße, aber die müssen dit ja tragen, ne, dürfen ja jar nüscht anders raus, voll scheiße."
Eine halbe Stunde später sehe ich die drei wieder. In dem umzäunten Hundeauslaufbereich sitzen sie auf einer Parkbank und schauen dabei zu, wie ihre drei Kampfhunde, jetzt ohne Leine und Maulkorb, einen vierten Hund, relativ groß, fast totbeißen. Die Hunde bellen, fauchen und reagieren überhaupt nicht drauf , wenn einer von den drei Jugendlichen mal 'Aus!' schreit. Das Herrchen des vierten Hundes traut sich nicht, zwischen die beißende Kampfhundmeute zu gehen und schaut hilflos zu.
Nennt mich sozialchauvinistisch. Aber ich finde, solche Teenager (und ja, ich bezeichne sie als Prekariat) sollten keine Kampfhunde halten dürfen. Alle anderen Menschen übrigens auch nicht. Aber die wollen das interessanterweise meist ja gar nicht...
Doch eigentlich geht es um was ganz anderes. Morgens im Volkspark kommen mir die drei entgegen. Vermutlich um die 18 Jahre alt. Einer mit schwarzem Sweater, Basecap und tatsächlich einer Jeansweste. Mit Heavy Metal-Aufdruck. Die hab ich das letzte Mal Ende der 1980er Jahre gesehen, Wahnsinn. Der andere groß, bleich, gelbblond, weiße Ballonseidejacke, weiße Baggyjeans, Plastikturnschuhe. Sie daneben aufgeschwemmt-dick, orangefarbene Blocksträhnen im gelben Haar. Irgendwas in Hellblau-Weiß trägt sie. Nochmal zu meinem Schubladendenken: die drei sehen aus wie das personifizierte deutsche Prekariat. Die Plattenbauvariante. Obwohl wir ja in Schöneberg sind und nicht in Lichtenberg oder Marzahn.
Doch wirklich vollständig wird mein Eindruck erst durch ihre Accessoires. Jeder der drei führt an der Leine einen Kampfhund spazieren. Ein Pitbull, zwei Bullterrier. Alle ordentlich mit Ledermaulkorb. Als ich an den dreien vorbeijogge, regt sich Chantalle/Melanie/Ann-Sophie/Viktoria grade auf: "Dit is so scheiße, aber die müssen dit ja tragen, ne, dürfen ja jar nüscht anders raus, voll scheiße."
Eine halbe Stunde später sehe ich die drei wieder. In dem umzäunten Hundeauslaufbereich sitzen sie auf einer Parkbank und schauen dabei zu, wie ihre drei Kampfhunde, jetzt ohne Leine und Maulkorb, einen vierten Hund, relativ groß, fast totbeißen. Die Hunde bellen, fauchen und reagieren überhaupt nicht drauf , wenn einer von den drei Jugendlichen mal 'Aus!' schreit. Das Herrchen des vierten Hundes traut sich nicht, zwischen die beißende Kampfhundmeute zu gehen und schaut hilflos zu.
Nennt mich sozialchauvinistisch. Aber ich finde, solche Teenager (und ja, ich bezeichne sie als Prekariat) sollten keine Kampfhunde halten dürfen. Alle anderen Menschen übrigens auch nicht. Aber die wollen das interessanterweise meist ja gar nicht...
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LaMadame
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Montag, 26. Oktober 2009
Sie ignorierte uns einfach. Dabei verhielten wir uns wie aufmüpfige Kinder, die den Bogen versuchen so weit zu überspannen, bis man einen richtigen Anschiss als Liebesbeweis und Zeichen der Anerkennung bekommt. Aber sie ignorierte uns.





Es war Samstag nacht gegen halb eins. Das kleine Café in Kreuzberg ist sehr Berlin-niedlich-retro. Ein wenig Oma-Style mit all den Polstermöbeln und Tapeten, ein Schuss französisches Landhaus mit den Holztischen, eine total kreative Speisekarte in Silberschrift auf Schwarz, natürlich handgeschrieben in Schreibschrift, dazwischen Musiknoten und Schwarzweißfotos der kreativen Mitarbeiter mit Menü-Empfehlungen. Zum Aufklappen. Und dazwischen wiederum die Crêpes, in silberner Schreibschrift. Wir wollten je ein Crêpe mit Schokolade. Und was trinken. Natürlich. Aber sie ignorierte uns.
Die Kellnerin beachtete uns überhaupt nicht. An den anderen Tischen aßen und tranken die retro-schicken Neukreuzberger und parlierten teils auf Französisch, teils auf ex-schwäbisch. Rotweinkaraffen auf einigen Tischen. Er ging vor an die Bar. Die beiden sehr schicken jungen Herren an der Bar ignorierten ihn ebenfalls. Völlig. Vermeidung von Blickkontakt. Nun gut, er brachte eine der kreativen Karten an unseren Tisch. Wir waren erstmal beschäftigt. Mit der silbernen Schreibschrift.
Eine Viertelstunde später ging er los. Raus. Zum Spätkauf. Er kam zurück mit zwei Flaschen und Schokolade. Zwar ohne Crêpes dazu, aber man muss manchmal eben Abstriche machen. Wir öffneten die Flaschen. Mit dem Feuerzeug. Knisterten mit dem Alupapier der Schokolade. Dazu wollten wir rauchen. Keiner brachte uns einen Aschenbecher. Er sagte, im Baskenland hätten alle auf den Boden geascht. Also aschten wir auf den Boden. Tranken. Aßen. Unterhielten uns.
Der Laden ist recht klein. Sicher weniger als 10 Tische. Die Kellnerin kam ein paarmal vorbei. Kein Blickkontakt. Kein Kommentar. Wir überlegten uns verschiedene Antworten, falls jemand was sagen würde. Von patzig bis jovial. Aber niemand sprach mit uns. Wir wollten aufmüpfig sein. Rebellieren. Provozieren. Aber sie ignorierte uns.
Als die Kellnerin sich - zwei Stunden später - am Nebentisch eine Zigarette anzündete, zogen wir uns in aller Ruhe an und gingen. Unser Müll lag auf dem Tisch. Die Flaschen. Das Alupapier. Aschereste. Sie ignorierte uns.
Wenn es darum geht zu rebellieren und zu provozieren: den Kampf hat die Kellnerin eindeutig gegen uns gewonnen.....
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Samstag, 22. August 2009
@ Valentins, Körtestr./Kreuzb.
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Montag, 20. Juli 2009
Finanzkrise in Schöneberg
Hertie stirbt. Auch hier am Kaiser-Wilhelm-Platz. Völlig unvorbereitet bin ich heute ins Deutschland der Finanzkrise gestolpert.



Jetzt kann ich mir was unter Heuschrecken vorstellen. Ich hasse ja Ausverkäufe ohnehin, egal ob Sommerschlussverkauf oder Rabattaktionen oder was auch immer. Ich finde es absolut unwürdig, in unordentlichen Kisten oder an chaotischen Ständern mit anderen Schnäppchenjägern um die besten Stücke zu wetteifern.
Überhaupt diese Geiz-ist-geil-Mentalität, diese Schnäppchenjagd-Faszination - ekelhaft, billig, kleinbürgerlich. Bäh. Auch wenns politisch unkorrekt und elitär ist: nochmal BÄH! Sowas hat mir meine Oma schon als Kind abgewöhnt. Deshalb mache ich bis heute einen großen Bogen um alle Ständer, an de
nen ein rotes SALE-Schild hängt.
Doch hier, im Reduzierungswahn des kollabierenden Hertie-Kaufhauses, fallen die Leute wirklich wie die Heuschrecken über die Schnäppchen her. Egal wie hässlich oder unnütz, Hauptsache billig. Lange lange Schlangen vor den Kassen.
Ganz ehrlich, da macht selbst Schuhe kaufen keinen Spaß mehr. Und das will was heißen....
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Es fährt ein Zug nach Nirgendwo
Jetzt war es Samstag mittag. Ich war schon hinreichend genervt, weil ich vom Ku'damm bis zur Warschauer Str. eingepfercht gewesen war zwischen peinlichen Touristen aus Süddeutschland (Frauen Mitte 30 mit sportlichen Stufenhaarschnitten und Strähnchen und in komischen Outdoorjacken und jeweils das passende Exemplar Lebenspartner dazu, vermutlich alles FH-BWLer, die jetzt in mittelständischen Betrieben irgendwo in Stuttgart-Sindelfingen arbeiten) und der üblichen Kreuzberger Mischung aus lauten pubertierenden Jungs mit Migrationshintergrund und Handy-Ghettoblaster sowie Studentinnen in bunten Leggins und Ringeltops und spanischen Austauschstudenten mit langen Bärten, Kastenbrille und Bierflasche.
Dann, kurz vorm Frankfurter Tor, wurden wir mehr oder weniger aus der Tram geschmissen, bevor diese auf unbekannte Strecke nach rechts einbog. Eine riesige Masse gedreadlockter Jugendlicher und Möchtegernjunggebliebener pilgerte Richtung Frankfurter Tor. Polizei überall. 1.Mai-Stimmung. Sah nach Demo aus. An der nächsten Tramhaltestelle dann ein Pulk wartender Menschen, eine Leuchtanzeige, dass die nächste M10 in 1 min kommen würde. Hinter der Kreuzung tatsächlich Demo, wofür oder wogegen auch immmer. Viele Fahnen und so. Nazis? Vielleicht wegen dem neuen Thor Steinar-Laden? Egal, ich wollte nur durch, mit meinen grade gekauften Erdbeeren und der Sahne hin zu dem Kuchen, der irgendwo in Friedrichshain auf mich wartete.
Also ging ich zu dem BVG-Servicemenschen und fragte, aus welcher Richtung die Tram denn kommen würde. Er schaute wie gesagt spöttisch und meinte "Da kommt keene Tram." Ich: "Aber da steht es doch. Und auf dem Plakat dort auch." Er: "Dit is falsch." Ich: "Aber die Leuchtanzeige." Er: "Dit müsste heißen 'außer Betrieb'." Ich: "Aber da warten doch krass viele Leute jetzt." Er: "Da kann ick och nüscht machen." Service-Paradies Berlin, we love you.

Ich fragte ihn noch, ob es meine einzige Alternative jetzt sei, mich quer durch die Demo zu kämpfen. Er nickte genervt. Ich: "Muss ich jetzt durch nen Pulk von Nazis durch?" Er: "Nee, dit sind die Linken heute." Ich: "Wenigstens etwas. Immerhin." Er sah nicht so aus, als ob er meiner Meinung sei. Ich bin dann los zur Kreuzung, und neben mir aufm Radweg hielt dann Hans-Christian Ströbele. Klar, wer sonst. Dann wars wenigstens ne halbwegs Mainstream-Demo, auch gut. Braungebrannt war er. Viel Urlaub oder viel Demonstrieren an der frischen Luft?
Eine Menschenkette aus Polizisten in voller Kampfmonitur das nächste Hindernis. Eine Polizistin, die ohne weiteres in einem Polizei-Porno mitspielen hätte können mit ihren weißblonden langen Haaren, den voll geschminkten Augen und dem Glitzersteinchen aufm Eckzahn, wollte meine Tasche kontrollieren. Erdbeeren und Sahne. Nicht wirklich bedrohlich, fand sie, also durfte ich durch. Dahinter das übliche Demochaos aus Antifa-Plakaten, Punkeltern mit ihren Kindern beim Samstagmittagsausflug mit Bier und Limo, Polizisten, die Autonome davon abhalten wollen, ihre Räder an den Baumstämmen neben den Schienen abzuschließen, aber drüber hinwegsehen, wenn Leute auf den Schienen sitzen und kiffen. Und ein einsamer Punk an der nächsten Haltestelle, der auf die Bahn wartet. Sie wird nicht kommen. Soll ich es ihm sagen? Andererseits ist Dadaismus auch absurd. Wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen. Also fotografiere ich ihn und laufe weiter, mit Erdbeeren und Sahne dem Kuchen entgegen.
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Donnerstag, 25. Juni 2009
In der heutigen Zeit ist es manchmal nicht leicht, ein Mann zu sein. Zumindest glaube ich das. Schließlich bin ich keiner. Aber sogar mir fällt auf, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen ich mich als Frau bevorzugt fühle. Heutiges Beispiel: das Fitness-Studio meines Vertrauens, eigentlich eher eine Wellness-Oase mit angeschlossenem Trainingsbereich.
Im Untergeschoss gibt es einen traumhaften Saunabereich. Vorne, wo Swimmingpool und Whirlpool sind, werden die Besucher noch höflich dazu angehalten, doch bitte Badekleidung zu tragen. Hinter der Glastür herrscht jedoch die totale Nacktheit. In der Biosauna liegt man, ausgestrahlt durch helles farbiges Licht, das angeblich Wohlbefinden auslösen soll, aber eigentlich eher nach Kühlschrankleuchte aussieht, auf dem Präsentierteller, während man schwitzt. Die finnische Sauna ist dunkel und holzig, wie man es kennt. Zwar muss man beim Rein-und Rausgehen durchaus über fremde Brüste, Hintern und sonstige Körperteile klettern. Aber liegt man erst einmal im Dunkeln auf seinem Handtuch, kann man abschalten - natürlich nur, bis jemand über die eigenen Brüste klettert und man tiefe Einblicke in den Körper des Mitsaunierenden erhält.
Im Hamam, dem Dampfbad, könnte man sich nicht einmal mehr theoretisch in sein Handtuch hüllen (so wie man es züchtigen Saunaprospekten kennt - würde man das jedoch wirklich machen, gälte man als pathologisch verklemmt) - es ist so tropfnaß in dieser dunklen Höhle, dass Nacktheit zwangsläufig scheint. Dort hat man die Wahl, ob man sich lang ausgestreckt auf dem heißen Stein in der Mitte ausbreitet (und damit viel Platz hat, aber auch beobachtet werden kann), oder ob man sich lieber auf die schmalen Steinsitze an der Seite des runden Raumes entlang setzt (und damit Ausblick auf den jeweiligen Luxuskörper, der sich grad in der Mitte räkelt).
Neben den drei 'heißen' Räumen gibt es Kneippbecken, Tauchbecken, Duschen, warme gekachelte Liegen. In diesem ganzen Saunabereich laufen die Leute nackt herum. Und es ist hier viel angenehmer, eine Frau zu sein. Nicht nur, dass die meisten Männer aus Höflichkeit (oder Angst?) einem mehr Platz auf den Liegen einräumen und sich nicht neben einen quetschen. Nein, denn ich habe die Wahl. In der heutigen Zeit gilt Wahl, auf obama: choice, ja als der Maßstab jeder Freiheit des modernen Individuums. Ich als Frau habe die Wahl, auch oben im ersten Stock in die separate Frauensauna zu gehen. Die ist zwar kleiner und spartanischer, aber es gibt sie. Wenn ich nicht unten in der gemischten Sauna duschen möchte, gehe ich nach oben zu den Frauen.
Aber die armen Männer. Wollen sie saunieren, müssen sie das wohl oder übel unter der Beobachtung sex-and-the-city-geschulter Frauenblicke. Hintern, Sixpacks oder Waschbärbäuche, alles wird abgecheckt. Besonders lustiges Beispiel ist das Duschen: drei Duschkabinen, aber alle nur durch Glasscheiben getrennt. Wenn ich mich als Frau entscheide, dort zu duschen, Haare zu waschen, mich in Ruhe abzutrocknen, wird es klar, wie verwirrt und verängstigt der moderne Mann doch eigentlich ist. Einerseits bemühen sich die meisten Männer, explizit NICHT zu mir zu schauen, wissen sie doch, dass dies von mir missbilligt werden könnte. Gar nicht gucken geht allerdings nicht, wenn man sich auf so engem Raum befindet. Das noch größere (oder kleinere...) Problem stellt sich den Männern jedoch in ihrer eigenen Positionierung unter der Dusche: meist drehen sie mir erst einmal den Rücken zu. Dann wird ihnen, so glaube ich, bewusst, dass ich nun schön in Ruhe auf ihren Po gucken kann. Also drehen sie sich abrupt um. Und merken, dass das auch nicht besser ist. Die Hände wandern vor den Schoß, fast schüchtern. Kopf nach vorne gebeugt, damit sie auf ihre Füße starren können. Wenn ich anfange zu lächeln, hauen sie ab. Sie wissen ja nicht, worauf es sich bezieht. Ja, es ist nicht leicht, heutzutage ein Mann zu sein.....Ist die Gleichberechtigung nun eher vollendet, wenn man die Frauensauna schließt oder wenn man den Männern eigene Schwitzräume für ihre mehr oder weniger ansehnlichen Bodies einrichtet? Feminismus ist ja so kompliziert.....
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LaMadame
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Montag, 22. Juni 2009
Es hat heftig gewittert. Man sieht es an den tiefen Pfützen auf der Straße, in denen sich die Lichter der Stadt spiegeln. Alles um mich rum glitzert in bunten Farben, als ich mit dem Rad losfahre. Nur der Himmel ist dunkeltiefmegaschwarz. Die Luft ist viel wärmer als noch vor ein paar Stunden, irgendwie komisch. Und, wie so oft Sonntag nacht, fast keiner auf den Straßen. Zwischen Kreuzberg und Schöneberg begegnen mir vielleicht fünf Autos und fünfzehn Menschen. Es ist unglaublich ruhig. Von der Brücke aus der Panoramablick auf den Potsdamer Platz, das Sony Center, ganz weit hinten der Fernsehturm. Auch alles in bunten, leuchtenden Farben vor dem nächtlichen Gewitterhimmel. Tiefe Stille. Manchmal ist Berlin einfach nur wunderschön.
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Dienstag, 2. Juni 2009
Eigentlich kam ich nur zur Visite. Diesmal beim Oberguru-Doktor des Reha-Zentrums, ein freundlicher älterer Herr mit Hemd und Krawatte. Er guckte auf mein Knie, stellte ein paar Fragen, machte sich einige Notizen, freute sich über die gelungene Operation. All das in knapp fünf Minuten. Dann blickte er in meine Akte und wollte wissen, welches Fach ich denn studiere.
Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, welche Gesprächigkeit bei meinem Gegenüber ausgelöst wird, sobald es auf das Thema Islamwissenschaft kommt. Denn jeder hat dazu eine Meinung, wirklich jeder: türkische Nachbarn, Ehrenmorde, Palästina-Konflikt, Ägypten-Urlaube, Kopftücher. Es gibt ja so viel zu reden, nicht wahr?
In den folgenden 15 (!) Minuten handelten der Oberguru-Doktor und ich folgende Themen ab: Kann man die westlichen Islamwissenschaftler generell in zwei Lager einteilen, nämlich die totalen Beschöniger und die harschen Islamkritiker? Warum konvertieren Afroamerikaner zum Islam und was hat das mit der Protestantischen Ethik zu tun? Kann eine Religion per se (nicht-) rassistisch sein? Wir diskutierten den Unterschied zwischen slave societies (USA) und societies with slaves (arabische Welt) im Sinne Sherman Jacksons. Ein kurzer Schlenker zum Black Orientalism: ist der Islam qua seiner arabischen Prägung nicht auch inhärent rassistisch? Der Oberguru-Doktor warf die komplexe Frage nach der (Un-)Übersetzbarkeit des Koran aus dem Arabischen und die daraus resultierenden Implikationen (z.B. Arabozentrismus) auf. Darüber landeten wir bei der angeblichen Wissenschaftsfeindlichkeit des Islam, die der Oberguru-Doktor meint ausgemacht zu haben. Die Errungenschaften der islamischen Geschichte, so meinte er, seien doch alle auf konvertierte Juden zurückzuführen. Den hier eigentlich notwendigerweise anzuführenden Diskurs über strukturell antisemitische Stereotype ersparte ich uns. Dafür landete der Oberguru-Doktor jetzt bei der Tagespolitik: ist die Tatsache, dass sich die Palästinenser über jeden winzigen Erfolg über Gebühr freuen und diesen als Sieg uminterpretieren, nicht ein Zeichen für den dem Islam immanenten Willen zur Eroberung? Eine Religion des Kampfes? Ich problematisierte die Schwierigkeit essentialistischer Islam-Bilder, die es ja durchaus auch von muslimischer Seite gebe, um dann mit dem Oberguru-Doktor auszudiskutieren, wie wahrscheinlich eine 'Reform von innen' ist, die er als notwendig anmahnte. Darüber kamen wir nun zu Legitimationsstrategien dieser sogenannten Reformer und deren möglichen Chancen bzw. Grenzen, um in einem versöhnlichen 'mal sehen, was die Zukunft bringt' zu enden.
Denn inzwischen hatten wir fast 10 min überzogen, obwohl ich doch schon längst bei der Aqua Gym hätte sein sollen! Der Oberguru-Doktor bedankte sich für das Gespräch und sagte, ich könne jederzeit wieder vorbeikommen. Während ich die Stufen ins Schwimmbad runterschlitterte, sinnierte ich darüber, dass wir gar nicht über Kopftücher gesprochen hatten. Von daher war dieses Gespräch doch außergewöhnlich gewesen. Als ich in das kalte Wasser eintauchte und mich langsam abkühlte, dachte ich, dass es toll wäre, neben jedem Podium künftig ein eiskaltes Becken für die Diskutanten zu haben.
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Samstag, 9. Mai 2009
Eine weitere Parallelwelt: die Welt derjenigen, die am Samstag abend zum Boxtraining gehen statt in einen Club oder eine Bar. Interessanterweise würde man von den meisten Leuten, die da boxen und Gewichte stemmen und Liegestütze oder Situps machen, eher denken, dass sie zu den coolsten Nachtschwärmern überhaupt gehören, würde man sie anderswo treffen. Und nirgends im Berliner Nachtleben hab ich je einen Mann gesehen, der sexier gewirkt hat als dieser eine, der heute abend, begleitet von 70er Jahre-Rockmusik, beim Freestyle-Boxen mit Händen und Beinen auf einen Sandsack eingeschlagen hat....Kino (und so mancher Sex....) ist nichts dagegen.....
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LaMadame
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